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Autor: Petra Pelz

Museumsgarten von Bergles et Schauer

Museum der Gartenkultur: Sehnsuchtsort Garten

Text: Angelika Traub, alle Fotos: Marion Nickig

Das 2013 in Trägerschaft der gemeinnützigen Stiftung Gartenkultur eröffnete Museum der Gartenkultur in Illertissen liegt in unmittelbarer Nähe der Staudengärtnerei Gaißmayer. Das Museum ist dabei das Herzstück der vielfältigen Projekte der Stiftung und erstrahlt seit Juli 2025 nun in neuem Glanz.

Stiftung Gartenkultur: Geschichte und Zukunft

Gegründet wurde die Stiftung 2010 von Dieter Gaißmayer, damals wie heute Stiftungsvorstand, Reinhard Hemmer und Wolfgang Hundbiss. Das Kernanliegen war es, gartenkulturelle Traditionen, historische Gartenformen und pflanzliche Vielfalt zu bewahren.

So entstand Schritt für Schritt ein Ensemble aus Schaugärten, Veranstaltungen und Bildungsangeboten, das schon bald weit über die Region hinausstrahlte.

Über die Jahre wurde eine faszinierende Sammlung aufgebaut, die hierzulande ihresgleichen sucht. Sie umfasst über 7.000 Exponate historischer Gartenwerkzeuge, Kataloge und Dokumente gärtnerischer Praxis.

Mittlerweile zählt die Stiftung zu den profiliertesten Einrichtungen für Gartenkultur in Deutschland. Verstärkt widmet sie sich heute auch zukunftsorientierten und zum Teil experimentellen Projekten. Das mittlerweile erweiterte Ziel ist es, die Geschichte und Bewahrung des gärtnerischen Erbes mit modernen Erkenntnissen aus Ökologie und Botanik zu verknüpfen. Zugleich soll nachhaltiges Handeln gefördert werden.

Foto oben: Gegründet wurde die Stiftung 2010 von Dieter Gaißmayer (damals wie heute Stiftungsvorstand), Reinhard Hemmer und Wolfgang Hundbiss, hier Dieter Gaißmayer mit seinen Museumsgästen (Foto: Marion Nickig)

Herzstück: Das Museum der Gartenkultur 

Das nicht-staatliche Museum der Gartenkultur thematisiert seit seiner Eröffnung im Jahr 2013 bereits die Geschichte des Gärtnerns und widmet sich dabei den vielfältigen Facetten der Gartenkultur. Als einzigartiges Spezialmuseum verbindet es klassische, historische Ausstellungselemente mit lebendiger gärtnerischer Praxis. So entsteht eine besondere Form der Wissensvermittlung.

Bisher brachte man das Museum der Gartenkultur vor allem mit jährlichen Themen-Ausstellungen, einem enormen Fundus historischer Exponate, Bildungsangeboten und der umfangreichen Bibliothek in Verbindung. Mit der neuen Dauerausstellung wurde im Juli 2025 zugleich ein wichtiger Entwicklungsschritt vollzogen.

Neue Dauerausstellung: Sehnsucht Garten

Die grundlegend neue Präsentation zeigt ein vielfältiges Spektrum historischer und aktueller europäischer Gartenkultur. Sie bietet einen lebendigen Ort des Lernens, Entdeckens und sinnlichen Erlebens. Viele Exponate überraschen und werfen Fragen auf. Kurze, klug zusammengestellte Informationen geben dabei schnell Orientierung. Sie erschließen Zusammenhänge, ohne didaktisch belehrend zu wirken.

Für die neue Konzeption zeichnet die Kemptener Kulturwissenschaftlerin und Kuratorin Ursula Winkler verantwortlich. Unterstützt wurde sie von Matthias Rausch, Geschäftsführer der Stiftung Gartenkultur. Gemeinsam ist ihnen eine inhaltlich und ästhetisch überzeugende Verbindung von historischen Objekten und modernen Vermittlungsformen gelungen.

Grundidee der Ausstellung ist es, im Rahmen einer Zeitreise einen Erlebnisraum für alle Generationen zu schaffen. Dabei macht die Ausstellung sowohl die Bedeutung von Gärten als auch ihre Faszination auf historische, kulturelle und ökologische Weise erfahrbar.

Foto oben: neue Präsentation zeigt ein vielfältiges Spektrum historischer und aktueller europäischer Gartenkultur (Fotos: Marion Nickig)

Auf einer Fläche von etwa 440 qm werden verschiedene Epochen der Gartenkultur dargestellt. Eindrückliche Bilder, historische Objekte und interaktive Medien führen durch einzelne Erlebnisstationen.

Denn letztlich sind Gärten immer auch Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen. So beginnt der Weg beim frühmittelalterlichen Klostergarten des Walahfried Strabo auf der Bodenseeinsel Reichenau. Von dort führt er weiter zu den Renaissancegärten des Architekturtheoretikers Joseph von Furttenbach, anschließend zum Barock und zum Absolutismus des Sonnenkönigs. Danach geht es weiter zum Englischen Garten des 18. Jahrhunderts und schließlich zu den Armen- und Schrebergärten des 19. Jahrhunderts.

Gartenkultur im Wandel: Zwischen Geschichte, Gesellschaft und Gegenwart

Am Ende kommt man in der Gegenwart an. Mit neuen Fragen, gesellschaftlichen Veränderungen und ökologischen Herausforderungen. Alte Gartengeräte, historische Exponate und botanische Illustrationen zeigen die Gartenkultur vergangener Zeiten. Multimediale Stationen ergänzen die Ausstellung und erklären Zusammenhänge anschaulich.

Die Besucherinnen und Besucher bewegen sich durch verschiedene Themenräume. Dabei stehen unter anderem Themen wie „Garten und Ernährung“, „Garten als Statussymbol“ sowie „Garten und Biodiversität“ im Mittelpunkt.

Ein wichtiger Fokus liegt auf der Rolle des Gartens im gesellschaftlichen Kontext. So macht die Ausstellung deutlich, dass Gärten stets auch Ausdruck ihrer jeweiligen Zeit waren. Sie spiegeln soziale, ökonomische und kulturelle Verhältnisse wider. Das reicht vom klösterlichen Nutzgarten bis zum Ort urbaner Selbstversorgung. Für ein fachkundiges Publikum bieten diese Gegenüberstellungen spannende Einblicke. Sie zeigen, wie sich gärtnerische Techniken, Stile und Ideale im Laufe der Zeit verändert haben.

Gartenkulturell Interessierte erleben hier somit einen Ort mit historischer Tiefe, botanischer Vielfalt und aktuellen Fragen. Zugleich zeigt die neue Dauerausstellung im Museum der Gartenkultur: Gartenkultur ist kein statisches Erbe, sondern ein lebendiger Prozess – geprägt von Tradition und zugleich offen für neue Ideen.

Foto: Gemüsekulturen heute (Foto: Marion Nickig)

Foto: Scheren aus alten Zeiten…. (Foto: Marion Nickig)

Mitmachangebot für Kinder

Sehr am Herzen liegt der Stiftung auch ein lebendiges Angebot für Kinder.

Ab dem Grundschulalter können Kinder gemeinsam mit dem Maskottchen „Antonia Botanika“ im Museum auf Entdeckungsreise gehen. Das ist auch ohne Begleitung ihrer Eltern möglich.

Außerdem können sie das Wurmoptikum inspizieren, durchs Samen-Mikroskop schauen und bei Mitmachaktionen kreativ werden. Dazu gehört auch das neue Format „Gartenentdecker:innen“.

Fotos oben und unten: alte Gartengeräte erzählen Geschichte. (Fotos: Marion Nickig)

Ein Ort der Inspiration

Doch die Ausstellung endet nicht im Museum, sondern setzt sich unmittelbar in den weitläufigen Außenanlagen fort.

Besucherinnen und Besucher können das Gesehene hier im wahrsten Sinne des Wortes weiterdenken. Sie gehen durch die Museumsgärten, betrachten Pflanzen und lassen Gestaltungsideen auf sich wirken.

Die Themen der von Ehrenamtlichen hervorragend gepflegten Gartenkabinette reichen vom klassischen Bauerngarten über Formobst, Arzneipflanzen und Kräuter bis hin zu modernen, ökologisch ausgerichteten Pflanzungen.

Sie dienen als Anschauungsräume. Historische und zeitgenössische Gartenkonzepte werden hier unmittelbar erfahrbar – auch für Menschen, die nicht täglich mit Gartenkultur zu tun haben.

Foto: Dahlienarenamit Polygonum orientale (Orient-Knöterich) (Foto: Marion Nickig)

Foto: Garten der Farben / Färberpflanzen (Foto: Marion Nickig)

Foto: Museumsgarten von Bergles et Schauer (Foto: Marion Nickig)

Foto: Historisches Gemüse (Foto: Marion Nickig)

Foto: Bohnen-Laubengang (Foto: Marion Nickig)

Für interessierte Laien und Fachbesucher eröffnet sich hier ein spannender Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Gärten sind nicht nur Orte der Schönheit. Sie sind auch Schlüsselräume. Damit werden sie zu kleinen, aber wirkungsvollen Laboratorien für ein zukünftiges und hoffentlich gesundendes Verhältnis zwischen Mensch und Natur.

Die Infotexte der Ausstellung sind in deutscher und englischer Sprache gehalten. Das Museum ist barrierefrei erreichbar und für Rollstühle geeignet. Führungen durch die Ausstellung und die Museumsgärten können gebucht werden.

Im Foyer befindet sich ein Café, eingebettet in den Glasbau des Museums. Mit Speisen aus regionalen Zutaten und hausgemachten Kuchen lädt es zum Verweilen ein. Drinnen oder unter freiem Himmel. Die Vielfalt der Museumsgärten immer im Blick.

Die Infotexte der Ausstellung sind in deutscher und englischer Sprache gehalten. Das Museum ist barrierefrei erreichbar und für Rollstühle geeignet.

Führungen durch die Ausstellung und die Museumsgärten können gebucht werden. Im Foyer befindet sich außerdem ein Café, eingebettet in den Glasbau des Museums.

Mit Speisen aus regionalen Zutaten und hausgemachten Kuchen lädt es zum Verweilen und Entspannen ein – drinnen oder unter freiem Himmel, die Vielfalt der Museumsgärten immer im Blick.

Bitte Platz nehmen!

Was du bei einem Besuch wissen musst:

Museum der Gartenkultur
Jungviehweide 1
89257 Illertissen
Eintritt 3 Euro, bis 18 Jahre frei

Museumsladen 
Donnerstag bis Samstag: 13 bis 17 Uhr
Führungen
 www.gaissmayer.de

Museumsgärten
ganzjährig kostenfrei geöffnet

Museumscafé
Dienstag bis Samstag: 10 bis 17 Uhr
Sonntag: 11 bis 17 Uhr
An Feiertagen geschlossen


Acker-Kratzdistel mit starkem Ausbreitungsdrang auf einer Wiese

Wild und expansiv: Warum „Unkraut“ gar kein so einfaches Wort ist

Wenn ein Wort schon nach Rausreißen klingt

Unkraut.

Schon dieses Wort hat irgendwie schlechte Laune. Es klingt nach Wegmachen, nach Rausreißen, nach Fugenkratzer und Eimer. Nach diesem Moment, wenn man morgens eigentlich nur kurz durch den Garten gehen wollte, vielleicht noch mit Kaffee in der Hand, und dann bleibt der Blick plötzlich irgendwo hängen. Genau dort, zwischen den frisch gepflanzten Stauden. Gestern war da gefühlt noch nichts, und heute steht da schon wieder irgendetwas, das ganz offensichtlich eigene Pläne hatte.

Ich muss allerdings zugeben: Mit dem Begriff tue ich mich selbst ein bisschen schwer. Denn eine Pflanze ist ja nicht von sich aus Unkraut. Sie wächst einfach. Und manche wachsen eben erstaunlich gut. Oft genau dort, wo wir Menschen gerade etwas verändert haben. Wo Boden offen ist, wo Licht auf freie Erde fällt, wo umgegraben, gebaut, geschoben oder gepflanzt wurde. Wer Unkraut im Garten bestimmen will, schaut deshalb am besten nicht nur auf die Pflanze selbst, sondern auch auf den Ort, an dem sie wächst.

Viele dieser Pflanzen gehören zu den sogenannten Ruderalpflanzen. Das sind Arten, die offene, gestörte Standorte lieben: Wegränder, Baustellen, Pflasterfugen, frisch bearbeitete Beete oder diese Ecken im Garten, um die man sich „nächstes Wochenende ganz bestimmt“ kümmern wollte.

Und wenn man genauer hinschaut, sind das eigentlich erstaunliche Spezialisten. Sie warten nicht lange. Sie diskutieren nicht. Sie sehen freie Erde und denken offenbar: Prima, nehme ich.

Löwenzahn mit gelber Blüte und tiefer Pfahlwurzel im Pflaster

Warum ich lieber von der Kategorie „Wild und expansiv“ spreche

In der Gartenkultur nennt man solche Pflanzen traditionell Unkraut, wenn man sie an genau dieser Stelle nicht haben möchte. Vielleicht ist das sogar die ehrlichste Definition überhaupt: Nicht die Pflanze entscheidet, ob sie Unkraut ist. Wir tun es.

Oder etwas alltagssprachlicher gesagt: Unkraut ist oft einfach eine Pflanze mit Ausbreitungsdrang, die unsere Gestaltungsidee nicht gelesen hat.

Deshalb verwenden wir in der Pflanzenreich App lieber die Kategorie Wild und expansiv. Das klingt ein bisschen freundlicher, ein bisschen weniger endgültig und eigentlich trifft es die Sache besser.

Denn viele dieser Pflanzen führen so eine Art Doppelleben. Mal möchte man sie unbedingt loswerden, weil sie sich mitten in einer jungen Staudenpflanzung breitmachen. Und mal verwendet man genau dieselben Eigenschaften ganz bewusst. Manche Arten findet man deshalb in unserer Pflanzenreich-App nicht nur in der Kategorie „Wild und Expansiv“, sondern auch bei den Ein- und Zweijährigen, bei den Stauden oder in naturnahen Pflanzbildern, Wiesen und Säumen.

Eigentlich ist das ja logisch. Ein Löwenzahn (Taraxacum officinale agg.) mitten in einer frisch angelegten Staudenfläche kann einen schon leicht in schlechte Stimmung bringen. Derselbe Löwenzahn in einer Wiese, im Gegenlicht, voller Insekten und später als Pusteblume? Da sieht die Sache plötzlich ganz anders aus.

Die Pflanze ist dieselbe. Nur unser Blick hat sich verändert.

Beikraut, Wildkraut oder Gartenpflanze?

Genau da wird es spannend. Denn viele sogenannte Unkräuter sind nicht einfach nur lästig. Sie sind erfolgreich. Manchmal sogar ein bisschen zu erfolgreich. Aber sie sind deshalb nicht automatisch wertlos.

Viele dieser Pflanzen können je nach Zusammenhang ganz unterschiedliche Rollen haben. Sie können Beikraut sein, wenn sie eine Pflanzung bedrängen. Sie können Wildkraut sein, wenn sie ökologisch oder kulinarisch interessant sind. Sie können Zeigerpflanze sein, wenn sie etwas über Boden, Nährstoffe oder Störung erzählen. Und manchmal können sie sogar Teil einer bewusst geplanten Pflanzung sein.

In einer Wiese, in einem Saum, in einer wilden Ecke oder in einer naturnahen Pflanzung wirken manche Arten plötzlich völlig richtig. In einem frisch gesetzten Beet, in dem junge Stauden erst noch Fuß fassen müssen, können dieselben Pflanzen aber ziemlich problematisch werden.

Das ist kein Widerspruch. Das ist Garten.

Die kleinen Samenmaschinen im Pflanzenreich

Wenn man sich diese Pflanzen genauer anschaut, merkt man ziemlich schnell: Sie sind nicht zufällig erfolgreich geworden. Da steckt Strategie dahinter.

Ein schönes Beispiel ist das Hirtentäschel (Capsella bursa-pastoris). So ein kleines, eher zurückhaltendes Pflänzchen. Kleine Rosette, zarte Erscheinung, herzförmige Schötchen. Eigentlich wirkt es fast niedlich.

Und dann liest man plötzlich, dass eine Pflanze bis zu 40.000 Samen bilden kann. Vierzigtausend.

Da steht dieses unscheinbare Ding am Beetrand und macht nebenbei eine Familienplanung, gegen die andere Pflanzen ausgesprochen entspannt wirken. Man muss es fast bewundern, auch wenn man diese Pflanze im Beet nicht unbedingt gebrauchen kann.

Bild unten: Hirtentäschel (Capsella bursa-pastoris)

Auch die Vogelmiere (Stellaria media) gehört zu diesen stillen, schnellen Kandidaten. Sie sieht ja zunächst überhaupt nicht nach Problem aus. Eher weich, frisch, fast freundlich. Wie so ein grüner Teppich, der plötzlich da ist. Und tatsächlich ist sie essbar, mild und angenehm, wunderbar im Kräuterquark oder im Salat.

Aber freundlich und harmlos sind eben nicht dasselbe. Vogelmiere kann mehrere Generationen im Jahr bilden. Sie nutzt offene Böden sofort, wächst schnell, blüht schnell und sät sich wieder aus, während man selbst noch überlegt, ob man heute oder morgen jätet.

Bild unten: Vogelmiere (Stellaria media)

Der Weiße Gänsefuß (Chenopodium album) gehört ebenfalls zu diesen stillen Überfliegern. Junge Blätter kann man wie Spinat verwenden, und gleichzeitig produziert eine Pflanze enorme Mengen Samen. Besonders spannend ist, dass Samen im Boden lange keimfähig bleiben können. Man denkt also, die Sache sei längst erledigt, und Jahre später steht plötzlich wieder einer da, als hätte jemand nur kurz auf Pause gedrückt.

Bild unten: Weiße Gänsefuß (Chenopodium album)

Wenn die eigentliche Geschichte unter der Erde passiert

Dann gibt es Pflanzen, bei denen man irgendwann merkt, dass die eigentliche Geschichte gar nicht oberirdisch stattfindet. Man sieht Blätter, Triebe und vielleicht eine Blüte und denkt zunächst: Na gut, da wächst eben etwas. Aber die eigentliche Aktivität läuft längst darunter. Im Boden. Außer Sichtweite. Und genau das macht manche Beikräuter so erstaunlich und manchmal auch so nervenaufreibend.

Die Acker-Kratzdistel (Cirsium arvense) gehört für mich unbedingt in diese Kategorie. Wer sie einmal in einer Pflanzung hatte, kennt vielleicht dieses Gefühl. Man entdeckt sie, zieht sie heraus und ist zunächst ziemlich zufrieden mit sich. So. Erledigt. Haken dran. Und ein paar Wochen später bleibt der Blick plötzlich wieder irgendwo hängen. Dort hinten? Moment mal. War die nicht eben noch ganz woanders?

Bild unten: Acker-Kratzdistel (Cirsium arvense)

In solchen Momenten beginnt man zu ahnen, dass die eigentliche Pflanze wahrscheinlich viel größer ist als das, was man oberirdisch überhaupt sieht. Ihre Wurzeln können mehrere Meter tief reichen, und zusätzlich bildet sie seitliche Ausläufer. Während man oben also noch denkt, man hätte gerade erfolgreich aufgeräumt, läuft unten möglicherweise längst die nächste Planungseinheit.

Ich stelle mir das manchmal fast wie eine heimliche Untergrundorganisation vor. Nicht besonders laut, nicht dramatisch, aber erstaunlich effektiv. Man entfernt etwas an einer Stelle, und kurze Zeit später taucht es an anderer Stelle wieder auf. Nicht direkt daneben. Das wäre fast zu einfach. Eher so, als hätte die Pflanze beschlossen, den Überraschungsmoment bewusst mitzunehmen – zack.

Löwenzahn: zwischen Pusteblume und Pfahlwurzel

Ganz anders und gleichzeitig doch ähnlich hartnäckig verhält sich der Löwenzahn (Taraxacum officinale agg.). Den kennt wirklich jeder. Wahrscheinlich gibt es kaum eine Pflanze, mit der so viele Erinnerungen verbunden sind. Zuerst diese leuchtenden gelben Blüten im Frühjahr. Dann später die Pusteblumen. Und irgendwo Kinder, die begeistert hineinblasen und dabei mit großer Ernsthaftigkeit vermutlich gerade den halben Garten neu besiedeln.

Als Kind fand ich das großartig.

Bild unten: Löwenzahn (Taraxacum officinale)

Später, wenn man selbst Pflanzflächen pflegt, schaut man gelegentlich etwas differenzierter auf die Sache. Denn die Pfahlwurzel des Löwenzahns sitzt erstaunlich tief im Boden. Wenn man nur die Blätter entfernt oder nicht gründlich genug arbeitet, kommt er ziemlich zuverlässig wieder. Und irgendwann steht man mit dem Unkrautstecher in der Hand im Beet, gräbt immer weiter und denkt sich: Mein Gott, wie weit möchte diese Wurzel eigentlich noch nach unten?

Und trotzdem habe ich eine gewisse Schwäche für Löwenzahn behalten. Vielleicht gerade deshalb, weil er so widersprüchlich ist. Im Rasen wird er oft bekämpft. In einer Wiese wirkt er plötzlich völlig selbstverständlich. Insekten lieben ihn. Kinder sowieso. Und früher war es ganz normal, ihn auch in der Küche zu verwenden.

Giersch: wild, expansiv und eine Übung in Gelassenheit

Überhaupt fällt mir bei vielen sogenannten Unkräutern auf, wie schnell sich unser Blick verändert, sobald sich der Zusammenhang ändert. Dieselbe Pflanze kann innerhalb weniger Meter vom Problemfall zur interessanten Wildpflanze werden.

Der Giersch (Aegopodium podagraria) ist vermutlich das beste Beispiel dafür. Ich glaube, kaum eine Pflanze schafft es, gleichzeitig so viele unterschiedliche Gefühle auszulösen. Unter alten Gehölzen, in lockeren Übergängen oder in naturnahen Situationen wirkt er oft erstaunlich selbstverständlich. Junge Blätter kann man essen, viele mögen den leicht würzigen Geschmack, und irgendwo gibt es wahrscheinlich gerade jemanden, der daraus Pesto macht.

Bild unten: Giersch (Aegopodium podagraria)

Und gleichzeitig gibt es diese andere Seite.

Frisch gesetzte Schattenstauden. Eine neue Pflanzung. Alles gerade schön eingewachsen. Man freut sich, dass die Fläche langsam zusammenfindet, dass sich Rhythmen entwickeln und die Pflanzung anfängt, ein Bild zu werden.

Und dann taucht Giersch auf. Er kommt ja nicht mit großem Auftritt. Das ist es gerade. Er ist nicht dramatisch. Er springt einem nicht entgegen. Er ist irgendwann einfach da. Erst hier ein Blatt. Dann dort eins. Und irgendwann merkt man langsam, dass unterirdisch längst deutlich mehr passiert, als oberirdisch sichtbar ist.

Man gräbt, sammelt Wurzelstücke heraus, siebt Erde und ist sich eigentlich ziemlich sicher, gründlich gearbeitet zu haben. Und irgendwo bleibt doch etwas zurück. Es ist fast, als würde die Pflanze ganz ruhig sagen: Wir sehen uns wieder.

Ich glaube manchmal, Giersch ist weniger eine Pflanze als eine Übung in Gelassenheit. Oder Demut. Oder beides.

Kletten, Labkraut und andere botanische Schlingel

Und dann gibt es diese kuriosen Geschichten, bei denen man merkt, dass Pflanzen einen immer wieder überraschen können.

Die Große Klette (Arctium lappa) gehört unbedingt dazu. Als Kind fand ich diese Kletten einfach nur lästig. Sie hingen an Hosen, an Pullovern, an Hundefell, an allem eigentlich. Und irgendwann erfährt man, dass genau diese kleinen Haken Vorbild für den Klettverschluss waren.

Da bleibt etwas an einer Hose hängen, jemand schaut genauer hin, erkennt das Prinzip und daraus entsteht plötzlich eine technische Idee. Eigentlich verrückt. Und irgendwie mag ich solche Geschichten, weil sie zeigen, dass Pflanzen oft viel raffinierter sind, als wir ihnen im Vorbeigehen zutrauen.

Bild unten: Große Klette (Arctium lappa)

Genauso beim Kletten-Labkraut (Galium aparine), diesem etwas chaotischen, weichen, klebrigen Gesellen, der sich früher zuverlässig an Jackenärmel geheftet hat. Jeder kannte dieses Zeug. Man warf es sich gegenseitig an den Pullover und lief danach herum wie ein kleiner Pflanzenmagnet.

Bild unten: Kletten-Labkraut (Galium aparine)

Heute denke ich manchmal: Eigentlich war das ziemlich schlau gemacht. Denn genau darum geht es ja. Verbreitung. Weiterkommen. Neue Standorte finden. Was uns im Garten manchmal wie Kuddelmuddel erscheint, ist aus Sicht der Pflanze eine ziemlich gut funktionierende Strategie.

Brennnessel und Knoblauchsrauke: verleumdet, aber voller Talent

Auch die Brennnessel (Urtica dioica) ist so eine Pflanze, die man nicht auf einen einzigen Begriff reduzieren kann. Natürlich brennt sie. Das vergisst man nicht so schnell. Aber sie ist eben auch Futterpflanze für viele Schmetterlingsraupen, sie wird als Tee genutzt, als Wildgemüse, als Jauche im Garten und als kräftige Zeigerpflanze für nährstoffreiche Standorte.

Kaum eine Pflanze hat so ein schlechtes Image und gleichzeitig so viele Talente.

Bild unten: Brennnessel (Urtica dioica)

Die Knoblauchsrauke (Alliaria petiolata) wirkt dagegen zunächst viel zurückhaltender. Man läuft leicht an ihr vorbei, ohne groß etwas zu denken. Bis man ein Blatt zerreibt. Dann ist da plötzlich dieser feine Knoblauchduft. Auf einmal wird aus einer unscheinbaren Pflanze ein Wildkraut, das in Kräuterquark, Butter oder Pesto richtig schön sein kann.

Und genau diese Verschiebung finde ich spannend. Eben noch Beikraut. Plötzlich Würzkraut. Es braucht manchmal nur einen anderen Zusammenhang.

Bild unten: Knoblauchsrauke (Alliaria petiolata)

Essbare Unkräuter: nicht alles, was stört, ist wertlos

Viele sogenannte Unkräuter sind essbar. Das macht die Sache nicht unbedingt einfacher, aber deutlich interessanter.

Dazu gehören zum Beispiel:

  • Vogelmiere (Stellaria media) – mild, frisch, schön für Salat oder Kräuterquark
  • Giersch (Aegopodium podagraria) – würzig, erinnert etwas an Petersilie und Möhre
  • Brennnessel (Urtica dioica) – gekocht ähnlich wie Spinat verwendbar
  • Löwenzahn (Taraxacum officinale agg.) – kräftig, leicht bitter, früher viel selbstverständlicher genutzt
  • Knoblauchsrauke (Alliaria petiolata) – mit feinem Knoblaucharoma
  • Weißer Gänsefuß (Chenopodium album) – junge Blätter lassen sich wie Spinat zubereiten

Natürlich sollte man Wildkräuter nur sammeln, wenn man sie sicher bestimmen kann und wenn sie an unbelasteten Standorten wachsen. Aber der Blick verändert sich trotzdem. Plötzlich sind diese Pflanzen nicht mehr nur Störung. Manche sind Nahrung, manche Zeigerpflanzen, manche ökologische Spezialisten und manche einfach erstaunlich gut darin, freie Erde zu finden.

Unkraut bestimmen: Warum manche Pflanzen etwas über deinen Garten erzählen

Beikräuter tauchen nämlich selten völlig zufällig auf. Sie sind oft keine kleinen grünen Störenfriede, die sich morgens abgesprochen haben, heute mal geschlossen aufzutreten. Sie erzählen meistens etwas über den Standort – auch wenn man diese Botschaft im ersten Moment vielleicht gar nicht hören möchte.

Offene Erde zum Beispiel bleibt selten lange offen. Irgendetwas kommt fast immer. Manche Pflanzen reagieren erstaunlich schnell auf freie Flächen, auf Licht oder auf frisch bearbeiteten Boden. Andere zeigen eher nährstoffreiche oder verdichtete Bereiche an.

Der Weiße Gänsefuß (Chenopodium album), das Hirtentäschel (Capsella bursa-pastoris) oder die Vogelmiere (Stellaria media) fühlen sich auf nährstoffreichen, gestörten Flächen oft ziemlich wohl. Ampferarten wie Stumpfblättriger Ampfer (Rumex obtusifolius) oder Krauser Ampfer (Rumex crispus) tauchen häufig dort auf, wo Böden verdichtet sind oder kräftig versorgt werden. Und Giersch (Aegopodium podagraria) liebt oft genau diese etwas humosen, halbschattigen Bereiche unter Gehölzen.

Bild unten: Stumpfblättriger Ampfer (Rumex obtusifolius)

Deshalb lohnt es sich manchmal, einen kleinen Schritt zurückzugehen und nicht sofort nur zu denken: Wie kriege ich das weg?

Die spannendere Frage ist oft: Warum wächst das hier eigentlich so gut?

Denn häufig ist das Beikraut gar nicht das eigentliche Problem. Es zeigt eher, dass irgendwo eine Lücke entstanden ist. Offene Erde. Zu wenig Konkurrenz. Zu langsamer Bodenschluss. Zu viel Störung. Zu viele Nährstoffe. Oder eine Pflanzung, die noch Zeit braucht, um wirklich zusammenzuwachsen.

Und genau deshalb finde ich diese Pflanzen manchmal fast ein bisschen ehrlich. Sie sagen ziemlich direkt, was im Boden los ist. Man muss nur lernen, ihre Sprache zu lesen.

Geschlossene Pflanzungen sind oft die beste Antwort

In gut entwickelten Pflanzungen ist der beste Schutz gegen viele Beikräuter nicht ständiges Hacken, sondern eine stabile Pflanzendecke. Pflanzen, die den Boden beschatten. Stauden, Gräser und Bodendecker, die miteinander funktionieren und nicht nur dekorativ nebeneinanderstehen.

Denn offene Erde bleibt in der Natur selten lange offen. Irgendetwas kommt immer. Die Frage ist nur, ob wir die Pflanzung so entwickeln, dass sie selbst genug Kraft und Dichte aufbaut – oder ob wir den frei gewordenen Platz jedes Mal dem schnellsten Kandidaten überlassen.

Das ist für mich ein ganz wichtiger Punkt in der Pflanzplanung. Eine gute Pflanzung besteht nicht nur aus schönen Einzelpflanzen. Sie ist ein kleines System. Mit Struktur, Bodenschluss, Konkurrenzkraft, Rhythmus und Entwicklung über die Zeit.

Vielleicht ist genau das der Punkt

Unkraut ist kein botanischer Begriff. Es ist ein kultureller. Ein menschlicher.

Wir entscheiden, was bleiben darf und was nicht. Wir ziehen Linien, schaffen Ordnung, planen Bilder und entwickeln Pflanzungen. Und dann kommt die Natur mit ihrem eigenen Kopfkino dazwischen.

Manchmal stört sie und geht einem tierisch auf die Nerven. Manchmal hilft sie. Manchmal klebt sie an der Hose. Manchmal landet sie im Salat. Und manchmal zeigt sie uns einfach, dass offene Erde in der Natur selten lange offen bleibt.

Vielleicht mag ich deshalb den Begriff Beikraut lieber. Er lässt ein bisschen mehr Raum. Für Respekt. Für Beobachtung. Aber auch für gärtnerische Klarheit.

Denn ja, manche Pflanzen müssen raus, wenn eine Pflanzung funktionieren soll. Aber wertlos sind sie deshalb noch lange nicht. Sie sind vielleicht einfach am falschen Platz. Zur falschen Zeit.

Du möchtest wissen, welches Beikraut da eigentlich wächst?

Genau an dieser Stelle wird es im Garten ja oft ganz praktisch.

Da taucht plötzlich irgendwo etwas auf. Erst nur ein paar Blätter. Dann wird es mehr. Es wächst schneller als gedacht, sitzt plötzlich zwischen den Stauden oder kommt an einer Stelle wieder, an der man es eigentlich schon entfernt hatte.

Und dann steht man da und fragt sich:

Lassen? Beobachten? Raus damit? Oder ist das vielleicht gar nicht so verkehrt an dieser Stelle?

Genau dafür gibt es in der Pflanzenreich App die Kategorie „Wild und expansiv“. Dort findest du inzwischen rund 250 sogenannte „Unkräuter“ beziehungsweise Beikräuter – von sehr bekannten Arten bis zu Pflanzen, bei denen man erstmal kurz hängen bleibt und denkt: Wer bist du denn?

Denn oft geht es nicht nur darum, den Namen zu wissen. Viel spannender ist:

  • Stört die Pflanze wirklich ?
  • Breitet sie sich stark aus?
  • Kann sie in einer Pflanzung problematisch werden?
  • Ist sie vielleicht essbar?
  • Oder passt sie sogar in eine Wiese, einen Saum oder eine naturnahe Pflanzung?

Gerade bei diesen Pflanzen sind die Grenzen oft fließend. Manche möchte man im Beet unbedingt loswerden. Andere können an anderer Stelle durchaus ihren Platz haben – als Wildpflanze, Staude oder Teil einer lebendigen Pflanzung.

Die Kategorie „Wild und expansiv“ findest du direkt als neue Rubrik unter dem Kreativboard in der Pflanzenreich App (inkl. Pflegehinweise im Ausdruck – wertvoll für dich und deine Kunden).

Die Kategorie hilft dir nicht nur beim Bestimmen, sondern auch beim Einschätzen: Wächst die Pflanze eher harmlos, wird sie schnell lästig, breitet sie sich stark aus – oder kann sie an dieser Stelle vielleicht sogar bleiben?

Manchmal reicht schon ein kurzer Blick, damit aus „Was wächst denn da jetzt schon wieder?“ eher wird:

Ach so. Jetzt verstehe ich, was ich da vor mir habe.

Also bleib neugierig! Einen gelassenen Frühsommer wünscht dir – Petra 🌼


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Wasser- und Sumpfpflanzen im Naturpool

Botanische Grundlagen und gestalterische Leitlinien für Schwimmteiche und naturnahe Wasseranlagen

Wer einen Naturpool oder Schwimmteich plant, sucht nicht nur passende Wasserpflanzen, sondern eine Lösung, die über Jahre hinweg ruhig wirkt, stabil bleibt und sich selbstverständlich entwickelt. Wasser- und Sumpfpflanzen übernehmen dabei weit mehr als eine dekorative Rolle. Ihre morphologischen Eigenschaften, ihr Wuchsverhalten und ihre enge Bindung an Wassertiefe, Licht und Substrat bestimmen maßgeblich Wasserbild, Raumwirkung und Pflegeaufwand.

Ein naturnaher Pool ist deshalb kein statisches Objekt, sondern ein lebendiges System. Gestaltung entsteht nicht allein durch Form und Material, sondern durch die bewusste Auswahl und Platzierung der Pflanzen. Botanisches Verständnis und gestalterisches Denken greifen dabei unmittelbar ineinander.

Hydrophyten und Helophyten – grundlegende Pflanzentypen im Naturpool

In Naturpools und Schwimmteichen treten vor allem zwei botanische Lebensformen auf: Hydrophyten und Helophyten. Diese Unterscheidung ist zentral für die richtige Pflanzenauswahl und hat unmittelbare gestalterische Konsequenzen.

Hydrophyten sind echte Wasserpflanzen, wie Nymphaea alba (Weiße Seerose), Ceratophyllum demersum (Raues Hornblatt) oder Elodea canadensis (Kanadische Wasserpest). Sie leben vollständig oder überwiegend im Wasser und sind an dauerhaft überstaute Bedingungen angepasst. Wasser, Nährstoffe und Gase werden überwiegend über Sprosse und Blätter aufgenommen, während die Wurzeln meist nur der Verankerung dienen. Typisch sind weiche, flexible Gewebe und eine stark reduzierte Festigungsstruktur. Seerosen, Hornblatt oder Wasserpest gehören zu dieser Gruppe.

Helophyten hingegen wurzeln im dauerhaft nassen oder zeitweise überstauten Substrat, entwickeln ihre Sprosse jedoch überwiegend oberhalb der Wasseroberfläche. Diese Pflanzen, wie Phragmites australis (Schilfrohr), Typha latifolia (Breitblättriger Rohrkolben) oder Acorus calamus (Kalmus) bilden eine wichtige Übergangsgruppe zwischen Wasser- und Landpflanzen und prägen besonders die Rand- und Flachwasserzonen von Naturpools und Schwimmteichen.

Gestalterisch gelesen bilden Hydrophyten die horizontale Struktur der Wasserfläche, während Helophyten den vertikalen Rahmen schaffen. Erst aus diesem Zusammenspiel entsteht ein räumlich klar lesbarer Naturpool.

Bild:
Hydrophyten und Helophyten im VergleichEgeria densa als vollständig submerser Hydrophyt mit dauerhaft untergetauchten, zarten Blättern gegenüber Acorus als Helophyt, dessen Rhizom im nassen Boden verankert ist und dessen Blätter emers über die Wasseroberfläche hinausragen; beide zeigen unterschiedliche morphologische und ökologische Anpassungen an das Leben im und am Wasser.


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Wassertiefe als Schlüsselfaktor für Pflanzenwahl und Gestaltung

Die Wassertiefe beeinflusst Wasser- und Sumpfpflanzen unmittelbarer als nahezu jeder andere Standortfaktor. Sie bestimmt die Lichtverfügbarkeit im Wasser, wirkt auf Temperaturverlauf und Sauerstoffangebot und legt damit fest, welche Pflanzen langfristig vital bleiben.

Viele Wasserpflanzen sind auf eng definierte Tiefenzonen spezialisiert. Bereits geringe Abweichungen vom optimalen Wasserstand können dazu führen, dass sich der Wuchs verändert, Blütenbildung ausbleibt oder Pflanzen schleichend an Vitalität verlieren. Diese Reaktionen zeigen sich oft erst nach mehreren Vegetationsperioden.

Unterwasserpflanzen benötigen dauerhaft klares, lichtdurchlässiges Wasser, da ihre Photosynthese vollständig unter der Wasseroberfläche stattfindet. Schwimmblattpflanzen sind an eine stabile Wasseroberfläche gebunden, da ihre Blätter Luftkontakt benötigen. Sumpf- und Röhrichtpflanzen tolerieren zeitweise Überstauung, reagieren jedoch empfindlich auf dauerhaft veränderte Wasserstände.

Gestalterisch ist die Wassertiefe daher kein frei verschiebbarer Parameter, sondern ein präzises Steuerungsinstrument. Pflanzen lassen sich nicht beliebig „tiefer“ oder „flacher“ setzen, ohne ihre physiologischen Grenzen zu überschreiten und damit auch die gestalterische Wirkung zu verändern.

Pflanzzonen im Schwimmteich – Wasserpflanzen als räumliche Ebenen

Ein hochwertig gestalteter Naturpool lebt von klar gegliederten Pflanzzonen. Wasserpflanzen lassen sich dabei nicht nur botanisch, sondern auch räumlich lesen.

Unterwasserpflanzen bilden die funktionale Basis des Systems. Sie bleiben meist unsichtbar, beeinflussen jedoch entscheidend Wasserqualität und Ruhe des Wasserbildes. Schwimmblattpflanzen strukturieren die Wasseroberfläche, brechen Spiegelungen und geben der Fläche optischen Halt. Helophyten bilden den vertikalen Abschluss, fassen die Wasserfläche und vermitteln zwischen Pool und Gartenraum.

Gestalterische Qualität entsteht dort, wo diese Ebenen bewusst voneinander getrennt werden. Offene Wasserflächen wirken nur dann ruhig und hochwertig, wenn sie klar begrenzt sind. Pflanzzonen gewinnen an Wirkung, wenn sie als zusammenhängende Bereiche ausgebildet werden und nicht fragmentiert im Becken verteilt sind.

Gestaltung mit Wasserpflanzen – Ruhe durch Reduktion

Ein häufiger Fehler in der Planung von Naturpools ist der Wunsch nach möglichst großer Artenvielfalt auf kleiner Fläche. Botanisch kann dies kurzfristig funktionieren, gestalterisch führt es jedoch fast immer zu Unruhe.

Wasserflächen reagieren besonders sensibel auf visuelle Überlagerung. Zu viele unterschiedliche Blattstrukturen, Höhen und Wuchsformen lassen die Fläche kleinteilig und unruhig erscheinen. Gestalterische Qualität entsteht daher nicht durch Vielfalt innerhalb einer Zone, sondern durch Wiederholung und Klarheit.

Wenige, gut gewählte Arten, die sich in ruhigen Beständen entwickeln dürfen, wirken großzügig, zeitlos und stabil. Abwechslung entsteht durch den Wechsel der Zonen – nicht durch Überfrachtung einzelner Bereiche.


Bild unten: Gegenüberstellung kleinteiliger Pflanzmischung und ruhigem Bestand – Während eine Vielzahl unterschiedlicher Arten auf engem Raum schnell unruhig und fragmentiert wirkt, entsteht bei der Konzentration auf eine Art ein geschlossenes, flächiges Bild. Diese gestalterische Zurückhaltung unterstützt die Lesbarkeit der Wasserfläche und lässt den Naturpool großzügiger und klarer erscheinen.

Blickachsen, Spiegelungen und räumliche Tiefe

Wasser ist immer auch ein Spiegel. Gestaltung im Naturpool bedeutet daher immer auch Gestaltung von Spiegelungen. Freie Wasserflächen reflektieren Himmel, Architektur und umgebende Vegetation. Pflanzen entscheiden darüber, wie offen oder gebrochen diese Spiegelung wahrgenommen wird.

Großblättrige Schwimmblattpflanzen unterbrechen die Spiegelung bewusst und lenken den Blick horizontal über die Wasserfläche. Sie erzeugen Ruhe und Flächigkeit. Vertikale Pflanzen am Rand fassen den Spiegel, geben ihm Tiefe und verhindern ein optisches „Auslaufen“ der Wasserfläche in den Gartenraum.

Gestalterisch sinnvoll ist es, bewusste Blickachsen über offene Wasserbereiche zu führen und diese gezielt durch Pflanzzonen zu rahmen. So entsteht räumliche Tiefe, ohne das Wasserbild zu überladen.

Wuchsform und Ausbreitung als gestaltbare Dynamik

Viele Wasser- und Sumpfpflanzen besitzen kräftige Rhizome oder ausgedehnte Ausläufer. Botanisch ist dies eine Anpassung an dynamische Lebensräume mit wechselnden Bedingungen. Gestalterisch kann diese Eigenschaft sowohl Stärke als auch Herausforderung sein.

Arten mit starkem Ausbreitungsdrang erzeugen Bewegung, Volumen und Veränderung. Ruhig wachsende Pflanzen schaffen klare Konturen und langfristige Stabilität. Entscheidend ist nicht, ob eine Pflanze ausbreitungsfreudig ist, sondern in welcher Zone sie eingesetzt wird.

In Regenerations- oder Randzonen kann Dynamik erwünscht sein. In Badebereichen, Sichtachsen oder ruhigen Wasserflächen wirkt sie störend. Gestaltung entsteht dort, wo Ausbreitungsverhalten von Beginn an als Planungsparameter verstanden wird.


Bild:
Hottonia palustris (Wasserfeder) – Beispiel für stark ausbreitungsfähige Wasserpflanzen: Die Art breitet sich über kriechende Sprosse und Ausläufer entlang von Gräben und flachen Gewässern aus und kann dabei dichte, dominante Bestände bilden. Diese Dynamik ist botanisch Ausdruck ihrer Anpassung an wechselnde Wasserstände, erfordert gestalterisch jedoch eine bewusste Platzierung, da sie in offenen Wasserflächen oder Sichtachsen rasch raumprägend und verdrängend wirken kann.

Blattformen und ihre Wirkung auf das Wasserbild

Die Blattform aquatischer Pflanzen ist eine direkte Anpassung an das Medium Wasser. Fein gegliederte Unterwasserblätter reduzieren den Strömungswiderstand und ermöglichen einen effizienten Gasaustausch. Schwimmblätter sind großflächig, stabil und wasserabweisend. Emers wachsende Blätter sind fester und stärker gegliedert.

Diese Unterschiede prägen die Wahrnehmung der Wasserfläche stärker als die Blüte. Große, geschlossene Blätter erzeugen Ruhe und Flächigkeit. Fein strukturierte Blätter bleiben visuell zurückhaltend. Aufrechte Blätter setzen vertikale Akzente.

Gestalterisch entscheidend ist, welche Blattstruktur dominieren soll – und welche bewusst im Hintergrund bleibt.


Bild: Blattformen aquatischer Pflanzen im Vergleich – Fein gegliederte Unterwasserblätter, großflächige Schwimmblätter und stabilere emerse Blätter zeigen die unterschiedlichen morphologischen Anpassungen an das Leben im Wasser. Nicht die Blüte, sondern Form, Struktur und Oberfläche der Blätter prägen dauerhaft das Wasserbild und bestimmen, ob eine Wasserfläche ruhig, flächig oder strukturiert wirkt.

Blütenpflanzen im Naturpool – Akzent, nicht Leitmotiv

Blütenpflanzen spielen in Naturpools und Schwimmteichen eine besondere, aber klar begrenzte Rolle. Ihre Wirkung ist zeitlich konzentriert und stark aufmerksamkeitsbindend, während ihre strukturelle Bedeutung im Vergleich zu Blatt- und Wuchsformen deutlich geringer ist. Gestalterisch sind Blüten daher nicht das tragende Element, sondern gezielte Akzente innerhalb eines insgesamt ruhigen Wasserbildes.

Im Gegensatz zu Blättern, die über die gesamte Vegetationsperiode präsent sind, erscheinen Blüten oft nur für wenige Wochen. Ihre Farbe, Größe und Stellung treten kurzfristig in den Vordergrund, ohne die langfristige Raumstruktur zu bestimmen. Gerade deshalb erfordern blühende Wasserpflanzen einen bewussten, zurückhaltenden Einsatz.

Schwimmblattpflanzen wie Seerosen zeigen dies besonders deutlich. Ihre Blätter prägen dauerhaft die Wasseroberfläche, während die Blüten als punktuelle Höhepunkte wirken. Gestalterische Qualität entsteht, wenn die Blüte das bestehende Wasserbild ergänzt, nicht dominiert. Eine ruhige Blattfläche bildet den Hintergrund, vor dem sich einzelne Blüten klar und selbstverständlich entfalten können.

Auch bei Sumpf- und Flachwasserpflanzen ist die Blüte eher ein saisonaler Akzent als ein strukturbildendes Element. Hohe Blütenstände ziehen den Blick vertikal, verändern kurzfristig die Silhouette der Randzonen und bringen Bewegung in das Bild. Dauerhaft wirksam bleiben jedoch Blattstellung, Höhe und Bestandsdichte.

Für die Planung bedeutet das: Blüten sollten nicht das Auswahlkriterium sein, sondern das Resultat einer stimmigen Pflanzung. Wer Naturpools allein über Blütenwirkung denkt, riskiert Unruhe, Kurzlebigkeit und gestalterische Überlagerung. Wer hingegen Blattwirkung, Wuchsform und Ausbreitung in den Vordergrund stellt, erhält ein ruhiges, tragfähiges Grundbild, in dem Blüten ihre Wirkung entfalten dürfen – zeitlich begrenzt, aber umso klarer.

Blütenpflanzen im Naturpool sind damit keine Hauptdarsteller, sondern gezielte Akzente. Ihre Stärke liegt nicht in Dauer, sondern im Moment. Gestaltung entsteht dort, wo dieser Moment eingebettet ist in eine stabile, botanisch fundierte Struktur.

Blüte und Blattwirkung – zwei Ebenen der Gestaltung

Seerosenblüten als temporärer Akzent – Bei Wasserpflanzen im Naturpool wirken Blüte und Blatt auf unterschiedlichen gestalterischen Ebenen. Die Blüte ist ein zeitlich begrenztes Ereignis, das Aufmerksamkeit bündelt und Akzente setzt. Ihre Wirkung ist intensiv, aber kurzlebig. Blattstrukturen hingegen bestimmen das Wasserbild über Monate hinweg und bilden die eigentliche Grundlage der räumlichen Gestaltung.

Schwimmblätter strukturieren die Wasseroberfläche dauerhaft, regulieren Spiegelungen und schaffen visuelle Ruhe. Unterwasser- und emerse Blätter prägen Transparenz, Tiefe und Vertikalität der Pflanzung. Diese Blattwirkungen bleiben auch dann erhalten, wenn keine Blüte sichtbar ist.

Gestalterisch entsteht Qualität, wenn die Blüte nicht als Hauptmotiv geplant wird, sondern als Ergänzung einer stabilen Blatt- und Wuchsstruktur. Ein ruhiges, gut proportioniertes Blattbild trägt die Gestaltung über die gesamte Saison hinweg. Die Blüte tritt hinzu, bereichert das Bild kurzfristig und zieht sich wieder zurück, ohne die Gesamtwirkung zu stören.

Im Naturpool bedeutet das: Die Auswahl von Wasserpflanzen sollte primär nach Blattwirkung, Wuchsform und Ausbreitungsverhalten erfolgen. Die Blüte ist das Ergebnis einer gelungenen Pflanzung – nicht ihr Ausgangspunkt.


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Zeit als Gestaltungsfaktor im Naturpool

Naturpools entwickeln sich über Jahre. Wasserpflanzen zeigen ihre charakteristische Wuchsform und räumliche Wirkung selten im Pflanzjahr. Erst mit zunehmender Standzeit bilden sich stabile Bestände, klare Zonen und ein ruhiges Wasserbild.

Anfangs dominieren häufig schnell wachsende Arten, später setzen sich konkurrenzstärkere oder langlebigere Pflanzen durch. Diese Entwicklung entspricht einer natürlichen Sukzession und ist kein Zeichen mangelhafter Planung.

Gestaltung im Naturpool bedeutet daher, Zeit mitzudenken. Kurzfristige Eingriffe aus Ungeduld stören oft genau jene Prozesse, die langfristig zu Qualität führen. Erst über mehrere Vegetationsperioden wird sichtbar, ob eine Pflanzung wirklich gelungen ist.

Botanische Präzision als Grundlage guter Gestaltung

Der langfristige Erfolg eines Naturpools entscheidet sich an der Pflanze. Ihre Morphologie, ihr Wuchs- und Ausbreitungsverhalten sowie ihre Bindung an Wassertiefe und Licht bestimmen, ob ein System ruhig reift oder dauerhaft korrigiert werden muss.

Botanische Präzision bedeutet Planungssicherheit. Pflanzen werden nicht nach momentaner Wirkung ausgewählt, sondern nach ihrem Entwicklungspotenzial. So entsteht Gestaltung, die nicht gegen die Pflanze arbeitet, sondern mit ihr.

Naturnahe Wasseranlagen überzeugen nicht durch schnelle Effekte, sondern durch Klarheit, Wiederholung und Entwicklung. Wer Wasser- und Sumpfpflanzen versteht und ihre botanische Logik respektiert, schafft Naturpools und Schwimmteiche, die sich über Jahre hinweg stabil und ruhig entwickeln.

Botanik und Gestaltung sind keine Gegensätze. Sie bilden gemeinsam die Grundlage für Wasseranlagen, die ökologisch funktionieren und gestalterisch überzeugen.

Wer Wasser- und Sumpfpflanzen ernst nimmt, plant nicht gegen die Pflanze, sondern mit ihr. Wer ihre Eigenheiten versteht, ihre Entwicklung beobachtet und ihre botanische Logik respektiert, schafft Wasseranlagen, die nicht ständig korrigiert werden müssen, sondern über Jahre hinweg wachsen und reifen dürfen. Wenn Sie Lust haben, tiefer in diese pflanzliche Vielfalt einzutauchen, lohnt es sich, Wasserpflanzen bewusst zu studieren, zu vergleichen und ihre Standorte neu zu denken – der Blick auf die Pflanze verändert oft den Blick auf das ganze System.

Bleiben wir offen für Vielfalt.
Und bleiben wir natürlich.

Petra Pelz


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Gartenfotografie leicht gemacht – die 5 wichtigsten Tipps

Ein Gastbeitrag von Sylvia Knittel

Mit offenen Augen durch die Natur

Gärten sind stille Rückzugsorte, lebendige Naturinseln und eine unerschöpfliche Quelle für Inspiration. Wer versucht hat, ihre besondere Stimmung in einem Foto festzuhalten, weiß: So leicht ist das nicht. Licht, Perspektive, Farben und Strukturen – all das will gesehen, gefühlt und im richtigen Moment eingefangen werden.


Sylvia Knittel
weiß genau, worauf es ankommt. Sie ist leidenschaftliche Naturfotografin, Mitgründerin und Geschäftsführerin des campus botanicus – einer Plattform für alle, die Natur und Garten lieben.

Gemeinsam mit zwei Gartenfreundinnen hat sie den campus botanicus zu Beginn der Corona-Pandemie ins Leben gerufen.

Seitdem ist daraus ein lebendiger Ort für Onlinekurse, Vorträge, Austausch und Inspiration rund um Gartenwissen und kreatives Gestalten mit Pflanzen geworden.

Nach vielen Jahren in der Unternehmenskommunikation hat Sylvia 2022 die Entscheidung getroffen, sich ganz ihrer Leidenschaft zu widmen: der Fotografie und dem campus botanicus.

Ihre Motive findet sie draußen, bei Streifzügen durch wilde Gärten, Landschaften, oder unterwegs auf Reisen – immer mit Kamera oder Pflanzenbestimmungs-buch im Gepäck.

Viele ihrer eindrucksvollen Aufnahmen kennt ihr bereits aus unserem Blog, zum Beispiel das Große Staudenband im ega-Park – in Szene gesetzt mit einem ganz besonderen Blick für Licht, Struktur und Atmosphäre.

Sylvia hat über die Jahre ihren eigenen Stil entwickelt, der die Charakteristik von Pflanzen und Gärten auf eine ruhige, klare Weise sichtbar macht. Sie gibt regelmäßig Fotokurse und Workshops zur Gartenfotografie – von Intensivkursen zur Kameratechnik bis hin zu Fototagen in den schönsten Gärten, bei denen es vor allem um den gemeinsamen Blick, das „Sehenlernen“ und die Freude an der Natur geht.

Und das Beste: Man muss keine Profiausrüstung besitzen, um gute Fotos zu machen. Auch mit dem Handy lassen sich stimmungsvolle Gartenbilder einfangen – wenn man ein paar Dinge beachtet. In diesem Blogbeitrag verrät Sylvia ihre fünf wichtigsten Regeln für bessere Gartenfotos.

Also: Handy oder Kamera bereithalten, raus in den Garten – und los geht’s!


Die fünf Grundregeln der Gartenfotografie

Foto: Petra auf Motiv-Suche im ega-Park, Foto: Leonie

Die meisten modernen Kameras können im Grunde alles. Auch die Handys sind mittlerweile auf einem recht guten Standard. Die Technik macht es möglich, aber die meisten wollen sich nicht intensiv damit beschäftigen, sondern einfach Fotos machen. Die gute Nachricht: Vieles geht auch so, denn der Schlüssel zu guten Bildern liegt in erster Linie darin, ein gutes Motiv zu finden und dieses richtig in Szene zu setzen.

In fünf Schritten führe ich Dich zu einer bewussten Art der Fotografie, die Deine Bilder sofort besser macht – egal womit Du fotografierst.


1. Das Motiv finden

Meine erste Regel lautet immer: Nicht einfach in den Garten stürmen und losknipsen. Gibt Dir Zeit dafür, den Garten zu entdecken, dann entwickeln sich die Motive von ganz alleine. Zeit und Muße lassen Dich jeden Garten viel intensiver erleben und genießen. Komme erst einmal an und erkunde den Garten und seine Umgebung, lass alles auf Dich wirken. Sprich vielleicht mit den Eigentümern des Gartens oder mache eine Führung mit. Das hilft dabei, den Charakter zu analysieren und schon viele schöne Motive zu entdecken, die Du später fotografierst.

Was gefällt Dir sehr, was weniger? Hat der Garten oder das Beet eine Kernaussage? Wie ist er gestaltet? Zum Beispiel: bunt, monochrom, wild, formal? Gibt es bewusste Sichtachsen im Garten und was gibt es dort zu sehen, wenn das Auge den Sichtachsen folgt? Wo ergeben sich schöne Höhen- und Tiefenstaffelungen? Gibt es eine geborgte Landschaft, einen besonderen Blick, besondere Pflanzen?

Übrigens gilt diese Ruhe auch für Deinen eigenen Garten: Versuche, ihn immer wieder neu zu entdecken, den Wechsel der Jahreszeiten und die verschiedenen Pflanzen, die wie auf einer Bühne abwechselnd ihren großen Auftritt haben. Immer wieder findest Du so auch in Deinem eigenen Garten neue Perspektiven.

Bei diesem Bild fiel mir ganz markant das gelbe Laub des Silphium auf, das in der gerade aufgehenden Sonne wie ein gelbes Leuchtfeuer im Beet stand. Dennoch wollte ich es im Kontext mit den anderen Farben des Beets zeigen.


Fotos: Sylvia Knittel, hier auf der Staudenwiese

2. Die Bildaussage entwickeln

Das klingt hochgestochen, aber die Bildaussage macht die Bildkomposition einfacher, denn Du weißt dann, was Du im Foto haben willst – und was nicht!

Wenn Du an einer Stelle unbedingt die Kamera zücken willst, dann frage Dich zuerst, warum Dich die Szenerie so anspricht? Was willst Du mit dem Bild zeigen? Dann weißt Du auch, welche Kernelemente ins Bild müssen, weil sie sie Aussage und Deine Idee des Bildes unterstützen.

Hier zum Beispiel haben mich die Farbkombinationen beeindruckt – warme Gelb- und Rottöne und das klare Weiß.

Foto: Sylvia Knittel, Planung Petra Pelz

Und hier wollte ich das Meer an Buschwindröschen und den Ort (unter Laubbäumen) zeigen. Dieses Foto ist übrigens ein Handyfoto!

Foto: Sylvia Knittel

So kannst Du Dich ganz auf das Motiv und die Bildkomposition konzentrieren. Das ist der erste Schritt vom Knipsen zum Fotografieren.


3. Welcher Bild-Ausschnitt darf es sein?

Der Ausschnitt, den Du wählst, ist der Rahmen, innerhalb dessen Du die Bestandteile des Bildes anordnest. Du hast dafür mehrere Möglichkeiten.

 Du wählst den Ausschnitt mit Hilfe Deiner Beine

Sprich, Du gehst näher ran oder weiter weg, etwas links oder rechts, hoch oder runter. Das ist für mich das wichtigste Kriterium bei der Wahl des Ausschnitts. Oft erschließe ich mir ein Motiv, indem ich darum herumlaufe und mir die beste Perspektive auswähle. Habe den Mut, viel näher ans Motiv ranzugehen! Deine Beine sind das beste Teleobjektiv. Für die Fotografie mit dem Handy gilt das doppelt! Bei dem vorhin gezeigten Foto mit den Buschwindröschen habe ich genau das gemacht: Ich habe so lange herumgezirkelt, bist ich ein paar schöne Blüten im Bild hatte und alle anderen störenden Elemente verschwunden waren.

Du wählst den Ausschnitt mithilfe des Objektivs und des Zooms

Fotografen sagen dazu Brennweite. Die Brennweite beeinflusst das Motiv und den Bildausschnitt. Mit dem Weitwinkel erreichst Du einen breiten Blickwinkel, alles wirkt weiter auseinander und kleiner. Mit dem Teleobjektiv bringst Du das Entfernte näher heran und verdichtest die Bildebenen. Beide Effekte können gewünscht sein, können aber auch kontraproduktiv sein, zum Beispiel wenn beim Weitwinkel zu viel Unordnung im Bild ist oder große Bäume plötzlich winzig wirken. 

Hier ein Beispiel mit zwei ähnlichen Perspektiven

Weitwinkel: Es zeigt den Überblick und den Hintergrund aus der normalen Perspektive im Stehen. Es ist schwer, überflüssige und störende Details wie Menschen und Springbrunnen wegzubekommen, der Blick verliert sich im Bild und die Bildaussage ist nicht klar.

Foto: Sylvia Knittel

Komprimiert mit Hilfe des Teleobjektivs: Der Cornus kommt zu voller Wirkung, die störenden Details gehen in der Konzentration der Pflanzenmasse unter. Ich musste dafür nur die Perspektive und die Brennweite ändern und etwas in die Hocke gehen, um die Staffelung der Pflanzen voll ins Bild zu bekommen.

Foto: Sylvia Knittel

Ein Hinweis dazu für alle Handyfotografen: Viele Handys haben mehrere Linsen in verschiedenen Brennweiten. Nutze diese. Bitte lass die Finger vom Zoomen mit dem Finger, denn damit macht die Kamera nur einen Ausschnitt auf dem ohnehin schon winzigen Sensor – die Bildqualität wird unterirdisch.


Der Bildaufbau: Aufteilung in der Fläche

Die klassischen Regeln der Bildaufteilung geben Dir eine Hilfestellung, wo Du das Motiv platzierst, um interessante Fotos zu machen. Am bekanntesten ist die Drittelregel, die das Bild in neun gleichgroße Felder aufteilt.

Die meisten setzen das Motiv ganz automatisch in die Mitte des Fotos, das ist absolut am langweiligsten. Versuche, ein Motiv an einer anderen Position im Bild zu platzieren, z.B. bei den Schnittpunkten der Linien in der Drittelregel oder setze es ganz nach außen. Du wirst staunen, wie das Foto plötzlich Dynamik und Spannung bekommt.

Bei den meisten Kameras (auch bei Handys) lassen sich Raster im Sucher einstellen, die zunächst eine gute Unterstützung sind. Die Raster sind aber nur ein Anhaltspunkt und eine Erinnerung, aber kein Muss! Zu viel vom Selben ist auch langweilig. Zudem hängt die Bildgestaltung immer auch vom Motiv ab. Denn manchmal ist mittig einfach schön.

Das hier ist mein Lieblingsbeispiel, das ich immer wieder zeige – weil es so aussagekräftig ist. Im Bild mit dem mittig gesetzten Allium stimmt fast gar nichts. Mit Beschnitt wird die Kugel auf die Kreuzung der Linien im Raster gesetzt. Die weißen überbelichteten Teile des Himmels verschwinden, der dicke Busch wird angeschnitten und ist nicht mehr so präsent und das Abendlicht kommt richtig zur Geltung. Beim nächsten Mal gleich beim Fotografieren daran denken!

Foto: Sylvia Knittel

Hier habe ich den goldenen Schnitt angewendet, der das Bild harmonisch und ruhig wirken lässt. Die Farbe ist unten, Baum und Strauch sind links und rechts gruppiert und die Mitte führt in den geheimnisvollen Hintergrund.

Foto: Sylvia Knittel

Hier zum Beispiel ist mittig gut, weil links und rechts genug unterschiedliches passiert, vor allem das Licht oben hat gewaltige Kontraste von Sonne bis tiefem Schatten. Eine nicht mittige Anordnung der Lücke hätte das Bild aus der Balance gebracht. Glaube mir, ich habe es probiert!

Foto: Sylvia Knittel

5. Blickführung anhand von Strukturen entwickeln

Nun hast Du Dir überlegt, welches Motiv Du haben willst, aber irgendwie passt es noch nicht ganz und sieht langweilig und flach aus. Dann fehlt ihm das Raumgefühl.

 Die Blickführung ist wichtig für den Bildaufbau. Sie leitet das Auge in das Bild und auf das Hauptmotiv. Versuche daher, im Motiv Strukturen zu erkennen und diese mit Hilfe der Bildgestaltungsregeln in Szene zu setzen.

 Strukturen sind zum Beispiel:

  • Führungslinien wie Wege oder Pflanzbänder, Rasenkanten
  • Strukturkontraste wie weich und hart, horizontal und vertikal, rund und eckig/gerade
  • Unterschiede in Vordergrund und Hintergrund

Dieses Bild besteht fast nur aus Linien. Bitte beachte, dass ich den Weg nicht in die Mitte gesetzt habe, dafür die Linie der Bänke durch die Mitte führt. Die strenge Dynamik wird durch die üppigen und weich geschwungenen Pflanzen auf der Seite gebrochen.

Foto: Gräsergarten im ega-Park, Sylvia Knittel, Planung Petra Pelz

Auch hier führt ein „Weg“ in den Dschungel hinein, nur dass dieser aus Allium besteht. Die Kugeln kontrastieren toll mit den vertikalen anderen Pflanzen.

Foto: Sylvia Knittel, Planung Petra Pelz

Für das Raumgefühl kannst auch einen (unscharfen) Vordergrund ins Bild nehmen. Das heißt, Du musst ganz nah an den Vordergrund gehen, bis Du fast daran stößt, das funktioniert auch mit dem Handy. Das sieht Du bei dem allerersten Beispiel, bei dem nur das Hauptmotiv (Silphium) scharf ist und alles andere unscharf.

Den Hintergrund kannst Du ebenfalls unscharf machen, wenn Du eine Pflanze herausheben willst.  Das hast Du bei dem Beispiel weiter oben mit dem Allium gesehen. Mit dem Handy geht das nicht sehr gut wegen des kleinen Sensors, aber es gibt Portraitprogramme, die allerdings filigrane Pflanzen nicht zuverlässig erkennen. Mit der größeren Kamera mit einem Teleobjektiv hast Du dafür alle Möglichkeiten, weiche Vorder- und Hintergründe zu erzeugen.

Nun bist Du fertig mit Deinem Foto. Herzlichen Glückwunsch!

Auslösen nicht vergessen! 😉

Mit etwas Übung meisterst Du diese fünf Stufen bald selbstverständlicher und intuitiv, fotografierst viel bewusster und machst bessere Fotos. Ich wünsche Dir viel Freude beim Fotografieren.


Danke liebe Sylvia, für die zahlreichen Tipps! Wir hoffen, ihr habt Lust bekommen selbst loszulegen – sei es im eigenen Garten, im Park oder unterwegs. Mit Geduld und Blick fürs Detail entstehen Bilder, die mehr sagen als tausend Worte. 🌿

Viel Freude beim Ausprobieren und Fotografieren-

Petra & Leonie