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Wild und expansiv: Warum „Unkraut“ gar kein so einfaches Wort ist

Acker-Kratzdistel mit starkem Ausbreitungsdrang auf einer Wiese
Acker-Kratzdistel mit starkem Ausbreitungsdrang auf einer Wiese

Wenn ein Wort schon nach Rausreißen klingt

Unkraut.

Schon dieses Wort hat irgendwie schlechte Laune. Es klingt nach Wegmachen, nach Rausreißen, nach Fugenkratzer und Eimer. Nach diesem Moment, wenn man morgens eigentlich nur kurz durch den Garten gehen wollte, vielleicht noch mit Kaffee in der Hand, und dann bleibt der Blick plötzlich irgendwo hängen. Genau dort, zwischen den frisch gepflanzten Stauden. Gestern war da gefühlt noch nichts, und heute steht da schon wieder irgendetwas, das ganz offensichtlich eigene Pläne hatte.

Ich muss allerdings zugeben: Mit dem Begriff tue ich mich selbst ein bisschen schwer. Denn eine Pflanze ist ja nicht von sich aus Unkraut. Sie wächst einfach. Und manche wachsen eben erstaunlich gut. Oft genau dort, wo wir Menschen gerade etwas verändert haben. Wo Boden offen ist, wo Licht auf freie Erde fällt, wo umgegraben, gebaut, geschoben oder gepflanzt wurde. Wer Unkraut im Garten bestimmen will, schaut deshalb am besten nicht nur auf die Pflanze selbst, sondern auch auf den Ort, an dem sie wächst.

Viele dieser Pflanzen gehören zu den sogenannten Ruderalpflanzen. Das sind Arten, die offene, gestörte Standorte lieben: Wegränder, Baustellen, Pflasterfugen, frisch bearbeitete Beete oder diese Ecken im Garten, um die man sich „nächstes Wochenende ganz bestimmt“ kümmern wollte.

Und wenn man genauer hinschaut, sind das eigentlich erstaunliche Spezialisten. Sie warten nicht lange. Sie diskutieren nicht. Sie sehen freie Erde und denken offenbar: Prima, nehme ich.

Löwenzahn mit gelber Blüte und tiefer Pfahlwurzel im Pflaster

Warum ich lieber von der Kategorie „Wild und expansiv“ spreche

In der Gartenkultur nennt man solche Pflanzen traditionell Unkraut, wenn man sie an genau dieser Stelle nicht haben möchte. Vielleicht ist das sogar die ehrlichste Definition überhaupt: Nicht die Pflanze entscheidet, ob sie Unkraut ist. Wir tun es.

Oder etwas alltagssprachlicher gesagt: Unkraut ist oft einfach eine Pflanze mit Ausbreitungsdrang, die unsere Gestaltungsidee nicht gelesen hat.

Deshalb verwenden wir in der Pflanzenreich App lieber die Kategorie Wild und expansiv. Das klingt ein bisschen freundlicher, ein bisschen weniger endgültig und eigentlich trifft es die Sache besser.

Denn viele dieser Pflanzen führen so eine Art Doppelleben. Mal möchte man sie unbedingt loswerden, weil sie sich mitten in einer jungen Staudenpflanzung breitmachen. Und mal verwendet man genau dieselben Eigenschaften ganz bewusst. Manche Arten findet man deshalb in unserer Pflanzenreich-App nicht nur in der Kategorie „Wild und Expansiv“, sondern auch bei den Ein- und Zweijährigen, bei den Stauden oder in naturnahen Pflanzbildern, Wiesen und Säumen.

Eigentlich ist das ja logisch. Ein Löwenzahn (Taraxacum officinale agg.) mitten in einer frisch angelegten Staudenfläche kann einen schon leicht in schlechte Stimmung bringen. Derselbe Löwenzahn in einer Wiese, im Gegenlicht, voller Insekten und später als Pusteblume? Da sieht die Sache plötzlich ganz anders aus.

Die Pflanze ist dieselbe. Nur unser Blick hat sich verändert.

Beikraut, Wildkraut oder Gartenpflanze?

Genau da wird es spannend. Denn viele sogenannte Unkräuter sind nicht einfach nur lästig. Sie sind erfolgreich. Manchmal sogar ein bisschen zu erfolgreich. Aber sie sind deshalb nicht automatisch wertlos.

Viele dieser Pflanzen können je nach Zusammenhang ganz unterschiedliche Rollen haben. Sie können Beikraut sein, wenn sie eine Pflanzung bedrängen. Sie können Wildkraut sein, wenn sie ökologisch oder kulinarisch interessant sind. Sie können Zeigerpflanze sein, wenn sie etwas über Boden, Nährstoffe oder Störung erzählen. Und manchmal können sie sogar Teil einer bewusst geplanten Pflanzung sein.

In einer Wiese, in einem Saum, in einer wilden Ecke oder in einer naturnahen Pflanzung wirken manche Arten plötzlich völlig richtig. In einem frisch gesetzten Beet, in dem junge Stauden erst noch Fuß fassen müssen, können dieselben Pflanzen aber ziemlich problematisch werden.

Das ist kein Widerspruch. Das ist Garten.

Die kleinen Samenmaschinen im Pflanzenreich

Wenn man sich diese Pflanzen genauer anschaut, merkt man ziemlich schnell: Sie sind nicht zufällig erfolgreich geworden. Da steckt Strategie dahinter.

Ein schönes Beispiel ist das Hirtentäschel (Capsella bursa-pastoris). So ein kleines, eher zurückhaltendes Pflänzchen. Kleine Rosette, zarte Erscheinung, herzförmige Schötchen. Eigentlich wirkt es fast niedlich.

Und dann liest man plötzlich, dass eine Pflanze bis zu 40.000 Samen bilden kann. Vierzigtausend.

Da steht dieses unscheinbare Ding am Beetrand und macht nebenbei eine Familienplanung, gegen die andere Pflanzen ausgesprochen entspannt wirken. Man muss es fast bewundern, auch wenn man diese Pflanze im Beet nicht unbedingt gebrauchen kann.

Bild unten: Hirtentäschel (Capsella bursa-pastoris)

Auch die Vogelmiere (Stellaria media) gehört zu diesen stillen, schnellen Kandidaten. Sie sieht ja zunächst überhaupt nicht nach Problem aus. Eher weich, frisch, fast freundlich. Wie so ein grüner Teppich, der plötzlich da ist. Und tatsächlich ist sie essbar, mild und angenehm, wunderbar im Kräuterquark oder im Salat.

Aber freundlich und harmlos sind eben nicht dasselbe. Vogelmiere kann mehrere Generationen im Jahr bilden. Sie nutzt offene Böden sofort, wächst schnell, blüht schnell und sät sich wieder aus, während man selbst noch überlegt, ob man heute oder morgen jätet.

Bild unten: Vogelmiere (Stellaria media)

Der Weiße Gänsefuß (Chenopodium album) gehört ebenfalls zu diesen stillen Überfliegern. Junge Blätter kann man wie Spinat verwenden, und gleichzeitig produziert eine Pflanze enorme Mengen Samen. Besonders spannend ist, dass Samen im Boden lange keimfähig bleiben können. Man denkt also, die Sache sei längst erledigt, und Jahre später steht plötzlich wieder einer da, als hätte jemand nur kurz auf Pause gedrückt.

Bild unten: Weiße Gänsefuß (Chenopodium album)

Wenn die eigentliche Geschichte unter der Erde passiert

Dann gibt es Pflanzen, bei denen man irgendwann merkt, dass die eigentliche Geschichte gar nicht oberirdisch stattfindet. Man sieht Blätter, Triebe und vielleicht eine Blüte und denkt zunächst: Na gut, da wächst eben etwas. Aber die eigentliche Aktivität läuft längst darunter. Im Boden. Außer Sichtweite. Und genau das macht manche Beikräuter so erstaunlich und manchmal auch so nervenaufreibend.

Die Acker-Kratzdistel (Cirsium arvense) gehört für mich unbedingt in diese Kategorie. Wer sie einmal in einer Pflanzung hatte, kennt vielleicht dieses Gefühl. Man entdeckt sie, zieht sie heraus und ist zunächst ziemlich zufrieden mit sich. So. Erledigt. Haken dran. Und ein paar Wochen später bleibt der Blick plötzlich wieder irgendwo hängen. Dort hinten? Moment mal. War die nicht eben noch ganz woanders?

Bild unten: Acker-Kratzdistel (Cirsium arvense)

In solchen Momenten beginnt man zu ahnen, dass die eigentliche Pflanze wahrscheinlich viel größer ist als das, was man oberirdisch überhaupt sieht. Ihre Wurzeln können mehrere Meter tief reichen, und zusätzlich bildet sie seitliche Ausläufer. Während man oben also noch denkt, man hätte gerade erfolgreich aufgeräumt, läuft unten möglicherweise längst die nächste Planungseinheit.

Ich stelle mir das manchmal fast wie eine heimliche Untergrundorganisation vor. Nicht besonders laut, nicht dramatisch, aber erstaunlich effektiv. Man entfernt etwas an einer Stelle, und kurze Zeit später taucht es an anderer Stelle wieder auf. Nicht direkt daneben. Das wäre fast zu einfach. Eher so, als hätte die Pflanze beschlossen, den Überraschungsmoment bewusst mitzunehmen – zack.

Löwenzahn: zwischen Pusteblume und Pfahlwurzel

Ganz anders und gleichzeitig doch ähnlich hartnäckig verhält sich der Löwenzahn (Taraxacum officinale agg.). Den kennt wirklich jeder. Wahrscheinlich gibt es kaum eine Pflanze, mit der so viele Erinnerungen verbunden sind. Zuerst diese leuchtenden gelben Blüten im Frühjahr. Dann später die Pusteblumen. Und irgendwo Kinder, die begeistert hineinblasen und dabei mit großer Ernsthaftigkeit vermutlich gerade den halben Garten neu besiedeln.

Als Kind fand ich das großartig.

Bild unten: Löwenzahn (Taraxacum officinale)

Später, wenn man selbst Pflanzflächen pflegt, schaut man gelegentlich etwas differenzierter auf die Sache. Denn die Pfahlwurzel des Löwenzahns sitzt erstaunlich tief im Boden. Wenn man nur die Blätter entfernt oder nicht gründlich genug arbeitet, kommt er ziemlich zuverlässig wieder. Und irgendwann steht man mit dem Unkrautstecher in der Hand im Beet, gräbt immer weiter und denkt sich: Mein Gott, wie weit möchte diese Wurzel eigentlich noch nach unten?

Und trotzdem habe ich eine gewisse Schwäche für Löwenzahn behalten. Vielleicht gerade deshalb, weil er so widersprüchlich ist. Im Rasen wird er oft bekämpft. In einer Wiese wirkt er plötzlich völlig selbstverständlich. Insekten lieben ihn. Kinder sowieso. Und früher war es ganz normal, ihn auch in der Küche zu verwenden.

Giersch: wild, expansiv und eine Übung in Gelassenheit

Überhaupt fällt mir bei vielen sogenannten Unkräutern auf, wie schnell sich unser Blick verändert, sobald sich der Zusammenhang ändert. Dieselbe Pflanze kann innerhalb weniger Meter vom Problemfall zur interessanten Wildpflanze werden.

Der Giersch (Aegopodium podagraria) ist vermutlich das beste Beispiel dafür. Ich glaube, kaum eine Pflanze schafft es, gleichzeitig so viele unterschiedliche Gefühle auszulösen. Unter alten Gehölzen, in lockeren Übergängen oder in naturnahen Situationen wirkt er oft erstaunlich selbstverständlich. Junge Blätter kann man essen, viele mögen den leicht würzigen Geschmack, und irgendwo gibt es wahrscheinlich gerade jemanden, der daraus Pesto macht.

Bild unten: Giersch (Aegopodium podagraria)

Und gleichzeitig gibt es diese andere Seite.

Frisch gesetzte Schattenstauden. Eine neue Pflanzung. Alles gerade schön eingewachsen. Man freut sich, dass die Fläche langsam zusammenfindet, dass sich Rhythmen entwickeln und die Pflanzung anfängt, ein Bild zu werden.

Und dann taucht Giersch auf. Er kommt ja nicht mit großem Auftritt. Das ist es gerade. Er ist nicht dramatisch. Er springt einem nicht entgegen. Er ist irgendwann einfach da. Erst hier ein Blatt. Dann dort eins. Und irgendwann merkt man langsam, dass unterirdisch längst deutlich mehr passiert, als oberirdisch sichtbar ist.

Man gräbt, sammelt Wurzelstücke heraus, siebt Erde und ist sich eigentlich ziemlich sicher, gründlich gearbeitet zu haben. Und irgendwo bleibt doch etwas zurück. Es ist fast, als würde die Pflanze ganz ruhig sagen: Wir sehen uns wieder.

Ich glaube manchmal, Giersch ist weniger eine Pflanze als eine Übung in Gelassenheit. Oder Demut. Oder beides.

Kletten, Labkraut und andere botanische Schlingel

Und dann gibt es diese kuriosen Geschichten, bei denen man merkt, dass Pflanzen einen immer wieder überraschen können.

Die Große Klette (Arctium lappa) gehört unbedingt dazu. Als Kind fand ich diese Kletten einfach nur lästig. Sie hingen an Hosen, an Pullovern, an Hundefell, an allem eigentlich. Und irgendwann erfährt man, dass genau diese kleinen Haken Vorbild für den Klettverschluss waren.

Da bleibt etwas an einer Hose hängen, jemand schaut genauer hin, erkennt das Prinzip und daraus entsteht plötzlich eine technische Idee. Eigentlich verrückt. Und irgendwie mag ich solche Geschichten, weil sie zeigen, dass Pflanzen oft viel raffinierter sind, als wir ihnen im Vorbeigehen zutrauen.

Bild unten: Große Klette (Arctium lappa)

Genauso beim Kletten-Labkraut (Galium aparine), diesem etwas chaotischen, weichen, klebrigen Gesellen, der sich früher zuverlässig an Jackenärmel geheftet hat. Jeder kannte dieses Zeug. Man warf es sich gegenseitig an den Pullover und lief danach herum wie ein kleiner Pflanzenmagnet.

Bild unten: Kletten-Labkraut (Galium aparine)

Heute denke ich manchmal: Eigentlich war das ziemlich schlau gemacht. Denn genau darum geht es ja. Verbreitung. Weiterkommen. Neue Standorte finden. Was uns im Garten manchmal wie Kuddelmuddel erscheint, ist aus Sicht der Pflanze eine ziemlich gut funktionierende Strategie.

Brennnessel und Knoblauchsrauke: verleumdet, aber voller Talent

Auch die Brennnessel (Urtica dioica) ist so eine Pflanze, die man nicht auf einen einzigen Begriff reduzieren kann. Natürlich brennt sie. Das vergisst man nicht so schnell. Aber sie ist eben auch Futterpflanze für viele Schmetterlingsraupen, sie wird als Tee genutzt, als Wildgemüse, als Jauche im Garten und als kräftige Zeigerpflanze für nährstoffreiche Standorte.

Kaum eine Pflanze hat so ein schlechtes Image und gleichzeitig so viele Talente.

Bild unten: Brennnessel (Urtica dioica)

Die Knoblauchsrauke (Alliaria petiolata) wirkt dagegen zunächst viel zurückhaltender. Man läuft leicht an ihr vorbei, ohne groß etwas zu denken. Bis man ein Blatt zerreibt. Dann ist da plötzlich dieser feine Knoblauchduft. Auf einmal wird aus einer unscheinbaren Pflanze ein Wildkraut, das in Kräuterquark, Butter oder Pesto richtig schön sein kann.

Und genau diese Verschiebung finde ich spannend. Eben noch Beikraut. Plötzlich Würzkraut. Es braucht manchmal nur einen anderen Zusammenhang.

Bild unten: Knoblauchsrauke (Alliaria petiolata)

Essbare Unkräuter: nicht alles, was stört, ist wertlos

Viele sogenannte Unkräuter sind essbar. Das macht die Sache nicht unbedingt einfacher, aber deutlich interessanter.

Dazu gehören zum Beispiel:

  • Vogelmiere (Stellaria media) – mild, frisch, schön für Salat oder Kräuterquark
  • Giersch (Aegopodium podagraria) – würzig, erinnert etwas an Petersilie und Möhre
  • Brennnessel (Urtica dioica) – gekocht ähnlich wie Spinat verwendbar
  • Löwenzahn (Taraxacum officinale agg.) – kräftig, leicht bitter, früher viel selbstverständlicher genutzt
  • Knoblauchsrauke (Alliaria petiolata) – mit feinem Knoblaucharoma
  • Weißer Gänsefuß (Chenopodium album) – junge Blätter lassen sich wie Spinat zubereiten

Natürlich sollte man Wildkräuter nur sammeln, wenn man sie sicher bestimmen kann und wenn sie an unbelasteten Standorten wachsen. Aber der Blick verändert sich trotzdem. Plötzlich sind diese Pflanzen nicht mehr nur Störung. Manche sind Nahrung, manche Zeigerpflanzen, manche ökologische Spezialisten und manche einfach erstaunlich gut darin, freie Erde zu finden.

Unkraut bestimmen: Warum manche Pflanzen etwas über deinen Garten erzählen

Beikräuter tauchen nämlich selten völlig zufällig auf. Sie sind oft keine kleinen grünen Störenfriede, die sich morgens abgesprochen haben, heute mal geschlossen aufzutreten. Sie erzählen meistens etwas über den Standort – auch wenn man diese Botschaft im ersten Moment vielleicht gar nicht hören möchte.

Offene Erde zum Beispiel bleibt selten lange offen. Irgendetwas kommt fast immer. Manche Pflanzen reagieren erstaunlich schnell auf freie Flächen, auf Licht oder auf frisch bearbeiteten Boden. Andere zeigen eher nährstoffreiche oder verdichtete Bereiche an.

Der Weiße Gänsefuß (Chenopodium album), das Hirtentäschel (Capsella bursa-pastoris) oder die Vogelmiere (Stellaria media) fühlen sich auf nährstoffreichen, gestörten Flächen oft ziemlich wohl. Ampferarten wie Stumpfblättriger Ampfer (Rumex obtusifolius) oder Krauser Ampfer (Rumex crispus) tauchen häufig dort auf, wo Böden verdichtet sind oder kräftig versorgt werden. Und Giersch (Aegopodium podagraria) liebt oft genau diese etwas humosen, halbschattigen Bereiche unter Gehölzen.

Bild unten: Stumpfblättriger Ampfer (Rumex obtusifolius)

Deshalb lohnt es sich manchmal, einen kleinen Schritt zurückzugehen und nicht sofort nur zu denken: Wie kriege ich das weg?

Die spannendere Frage ist oft: Warum wächst das hier eigentlich so gut?

Denn häufig ist das Beikraut gar nicht das eigentliche Problem. Es zeigt eher, dass irgendwo eine Lücke entstanden ist. Offene Erde. Zu wenig Konkurrenz. Zu langsamer Bodenschluss. Zu viel Störung. Zu viele Nährstoffe. Oder eine Pflanzung, die noch Zeit braucht, um wirklich zusammenzuwachsen.

Und genau deshalb finde ich diese Pflanzen manchmal fast ein bisschen ehrlich. Sie sagen ziemlich direkt, was im Boden los ist. Man muss nur lernen, ihre Sprache zu lesen.

Geschlossene Pflanzungen sind oft die beste Antwort

In gut entwickelten Pflanzungen ist der beste Schutz gegen viele Beikräuter nicht ständiges Hacken, sondern eine stabile Pflanzendecke. Pflanzen, die den Boden beschatten. Stauden, Gräser und Bodendecker, die miteinander funktionieren und nicht nur dekorativ nebeneinanderstehen.

Denn offene Erde bleibt in der Natur selten lange offen. Irgendetwas kommt immer. Die Frage ist nur, ob wir die Pflanzung so entwickeln, dass sie selbst genug Kraft und Dichte aufbaut – oder ob wir den frei gewordenen Platz jedes Mal dem schnellsten Kandidaten überlassen.

Das ist für mich ein ganz wichtiger Punkt in der Pflanzplanung. Eine gute Pflanzung besteht nicht nur aus schönen Einzelpflanzen. Sie ist ein kleines System. Mit Struktur, Bodenschluss, Konkurrenzkraft, Rhythmus und Entwicklung über die Zeit.

Vielleicht ist genau das der Punkt

Unkraut ist kein botanischer Begriff. Es ist ein kultureller. Ein menschlicher.

Wir entscheiden, was bleiben darf und was nicht. Wir ziehen Linien, schaffen Ordnung, planen Bilder und entwickeln Pflanzungen. Und dann kommt die Natur mit ihrem eigenen Kopfkino dazwischen.

Manchmal stört sie und geht einem tierisch auf die Nerven. Manchmal hilft sie. Manchmal klebt sie an der Hose. Manchmal landet sie im Salat. Und manchmal zeigt sie uns einfach, dass offene Erde in der Natur selten lange offen bleibt.

Vielleicht mag ich deshalb den Begriff Beikraut lieber. Er lässt ein bisschen mehr Raum. Für Respekt. Für Beobachtung. Aber auch für gärtnerische Klarheit.

Denn ja, manche Pflanzen müssen raus, wenn eine Pflanzung funktionieren soll. Aber wertlos sind sie deshalb noch lange nicht. Sie sind vielleicht einfach am falschen Platz. Zur falschen Zeit.

Du möchtest wissen, welches Beikraut da eigentlich wächst?

Genau an dieser Stelle wird es im Garten ja oft ganz praktisch.

Da taucht plötzlich irgendwo etwas auf. Erst nur ein paar Blätter. Dann wird es mehr. Es wächst schneller als gedacht, sitzt plötzlich zwischen den Stauden oder kommt an einer Stelle wieder, an der man es eigentlich schon entfernt hatte.

Und dann steht man da und fragt sich:

Lassen? Beobachten? Raus damit? Oder ist das vielleicht gar nicht so verkehrt an dieser Stelle?

Genau dafür gibt es in der Pflanzenreich App die Kategorie „Wild und expansiv“. Dort findest du inzwischen rund 250 sogenannte „Unkräuter“ beziehungsweise Beikräuter – von sehr bekannten Arten bis zu Pflanzen, bei denen man erstmal kurz hängen bleibt und denkt: Wer bist du denn?

Denn oft geht es nicht nur darum, den Namen zu wissen. Viel spannender ist:

  • Stört die Pflanze wirklich ?
  • Breitet sie sich stark aus?
  • Kann sie in einer Pflanzung problematisch werden?
  • Ist sie vielleicht essbar?
  • Oder passt sie sogar in eine Wiese, einen Saum oder eine naturnahe Pflanzung?

Gerade bei diesen Pflanzen sind die Grenzen oft fließend. Manche möchte man im Beet unbedingt loswerden. Andere können an anderer Stelle durchaus ihren Platz haben – als Wildpflanze, Staude oder Teil einer lebendigen Pflanzung.

Die Kategorie „Wild und expansiv“ findest du direkt als neue Rubrik unter dem Kreativboard in der Pflanzenreich App (inkl. Pflegehinweise im Ausdruck – wertvoll für dich und deine Kunden).

Die Kategorie hilft dir nicht nur beim Bestimmen, sondern auch beim Einschätzen: Wächst die Pflanze eher harmlos, wird sie schnell lästig, breitet sie sich stark aus – oder kann sie an dieser Stelle vielleicht sogar bleiben?

Manchmal reicht schon ein kurzer Blick, damit aus „Was wächst denn da jetzt schon wieder?“ eher wird:

Ach so. Jetzt verstehe ich, was ich da vor mir habe.

Also bleib neugierig! Einen gelassenen Frühsommer wünscht dir – Petra 🌼


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