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Autor: Petra Pelz

Wasser- und Sumpfpflanzen im Naturpool

Botanische Grundlagen und gestalterische Leitlinien für Schwimmteiche und naturnahe Wasseranlagen

Wer einen Naturpool oder Schwimmteich plant, sucht nicht nur passende Wasserpflanzen, sondern eine Lösung, die über Jahre hinweg ruhig wirkt, stabil bleibt und sich selbstverständlich entwickelt. Wasser- und Sumpfpflanzen übernehmen dabei weit mehr als eine dekorative Rolle. Ihre morphologischen Eigenschaften, ihr Wuchsverhalten und ihre enge Bindung an Wassertiefe, Licht und Substrat bestimmen maßgeblich Wasserbild, Raumwirkung und Pflegeaufwand.

Ein naturnaher Pool ist deshalb kein statisches Objekt, sondern ein lebendiges System. Gestaltung entsteht nicht allein durch Form und Material, sondern durch die bewusste Auswahl und Platzierung der Pflanzen. Botanisches Verständnis und gestalterisches Denken greifen dabei unmittelbar ineinander.

Hydrophyten und Helophyten – grundlegende Pflanzentypen im Naturpool

In Naturpools und Schwimmteichen treten vor allem zwei botanische Lebensformen auf: Hydrophyten und Helophyten. Diese Unterscheidung ist zentral für die richtige Pflanzenauswahl und hat unmittelbare gestalterische Konsequenzen.

Hydrophyten sind echte Wasserpflanzen, wie Nymphaea alba (Weiße Seerose), Ceratophyllum demersum (Raues Hornblatt) oder Elodea canadensis (Kanadische Wasserpest). Sie leben vollständig oder überwiegend im Wasser und sind an dauerhaft überstaute Bedingungen angepasst. Wasser, Nährstoffe und Gase werden überwiegend über Sprosse und Blätter aufgenommen, während die Wurzeln meist nur der Verankerung dienen. Typisch sind weiche, flexible Gewebe und eine stark reduzierte Festigungsstruktur. Seerosen, Hornblatt oder Wasserpest gehören zu dieser Gruppe.

Helophyten hingegen wurzeln im dauerhaft nassen oder zeitweise überstauten Substrat, entwickeln ihre Sprosse jedoch überwiegend oberhalb der Wasseroberfläche. Diese Pflanzen, wie Phragmites australis (Schilfrohr), Typha latifolia (Breitblättriger Rohrkolben) oder Acorus calamus (Kalmus) bilden eine wichtige Übergangsgruppe zwischen Wasser- und Landpflanzen und prägen besonders die Rand- und Flachwasserzonen von Naturpools und Schwimmteichen.

Gestalterisch gelesen bilden Hydrophyten die horizontale Struktur der Wasserfläche, während Helophyten den vertikalen Rahmen schaffen. Erst aus diesem Zusammenspiel entsteht ein räumlich klar lesbarer Naturpool.

Bild:
Hydrophyten und Helophyten im VergleichEgeria densa als vollständig submerser Hydrophyt mit dauerhaft untergetauchten, zarten Blättern gegenüber Acorus als Helophyt, dessen Rhizom im nassen Boden verankert ist und dessen Blätter emers über die Wasseroberfläche hinausragen; beide zeigen unterschiedliche morphologische und ökologische Anpassungen an das Leben im und am Wasser.


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Wassertiefe als Schlüsselfaktor für Pflanzenwahl und Gestaltung

Die Wassertiefe beeinflusst Wasser- und Sumpfpflanzen unmittelbarer als nahezu jeder andere Standortfaktor. Sie bestimmt die Lichtverfügbarkeit im Wasser, wirkt auf Temperaturverlauf und Sauerstoffangebot und legt damit fest, welche Pflanzen langfristig vital bleiben.

Viele Wasserpflanzen sind auf eng definierte Tiefenzonen spezialisiert. Bereits geringe Abweichungen vom optimalen Wasserstand können dazu führen, dass sich der Wuchs verändert, Blütenbildung ausbleibt oder Pflanzen schleichend an Vitalität verlieren. Diese Reaktionen zeigen sich oft erst nach mehreren Vegetationsperioden.

Unterwasserpflanzen benötigen dauerhaft klares, lichtdurchlässiges Wasser, da ihre Photosynthese vollständig unter der Wasseroberfläche stattfindet. Schwimmblattpflanzen sind an eine stabile Wasseroberfläche gebunden, da ihre Blätter Luftkontakt benötigen. Sumpf- und Röhrichtpflanzen tolerieren zeitweise Überstauung, reagieren jedoch empfindlich auf dauerhaft veränderte Wasserstände.

Gestalterisch ist die Wassertiefe daher kein frei verschiebbarer Parameter, sondern ein präzises Steuerungsinstrument. Pflanzen lassen sich nicht beliebig „tiefer“ oder „flacher“ setzen, ohne ihre physiologischen Grenzen zu überschreiten und damit auch die gestalterische Wirkung zu verändern.

Pflanzzonen im Schwimmteich – Wasserpflanzen als räumliche Ebenen

Ein hochwertig gestalteter Naturpool lebt von klar gegliederten Pflanzzonen. Wasserpflanzen lassen sich dabei nicht nur botanisch, sondern auch räumlich lesen.

Unterwasserpflanzen bilden die funktionale Basis des Systems. Sie bleiben meist unsichtbar, beeinflussen jedoch entscheidend Wasserqualität und Ruhe des Wasserbildes. Schwimmblattpflanzen strukturieren die Wasseroberfläche, brechen Spiegelungen und geben der Fläche optischen Halt. Helophyten bilden den vertikalen Abschluss, fassen die Wasserfläche und vermitteln zwischen Pool und Gartenraum.

Gestalterische Qualität entsteht dort, wo diese Ebenen bewusst voneinander getrennt werden. Offene Wasserflächen wirken nur dann ruhig und hochwertig, wenn sie klar begrenzt sind. Pflanzzonen gewinnen an Wirkung, wenn sie als zusammenhängende Bereiche ausgebildet werden und nicht fragmentiert im Becken verteilt sind.

Gestaltung mit Wasserpflanzen – Ruhe durch Reduktion

Ein häufiger Fehler in der Planung von Naturpools ist der Wunsch nach möglichst großer Artenvielfalt auf kleiner Fläche. Botanisch kann dies kurzfristig funktionieren, gestalterisch führt es jedoch fast immer zu Unruhe.

Wasserflächen reagieren besonders sensibel auf visuelle Überlagerung. Zu viele unterschiedliche Blattstrukturen, Höhen und Wuchsformen lassen die Fläche kleinteilig und unruhig erscheinen. Gestalterische Qualität entsteht daher nicht durch Vielfalt innerhalb einer Zone, sondern durch Wiederholung und Klarheit.

Wenige, gut gewählte Arten, die sich in ruhigen Beständen entwickeln dürfen, wirken großzügig, zeitlos und stabil. Abwechslung entsteht durch den Wechsel der Zonen – nicht durch Überfrachtung einzelner Bereiche.


Bild unten: Gegenüberstellung kleinteiliger Pflanzmischung und ruhigem Bestand – Während eine Vielzahl unterschiedlicher Arten auf engem Raum schnell unruhig und fragmentiert wirkt, entsteht bei der Konzentration auf eine Art ein geschlossenes, flächiges Bild. Diese gestalterische Zurückhaltung unterstützt die Lesbarkeit der Wasserfläche und lässt den Naturpool großzügiger und klarer erscheinen.

Blickachsen, Spiegelungen und räumliche Tiefe

Wasser ist immer auch ein Spiegel. Gestaltung im Naturpool bedeutet daher immer auch Gestaltung von Spiegelungen. Freie Wasserflächen reflektieren Himmel, Architektur und umgebende Vegetation. Pflanzen entscheiden darüber, wie offen oder gebrochen diese Spiegelung wahrgenommen wird.

Großblättrige Schwimmblattpflanzen unterbrechen die Spiegelung bewusst und lenken den Blick horizontal über die Wasserfläche. Sie erzeugen Ruhe und Flächigkeit. Vertikale Pflanzen am Rand fassen den Spiegel, geben ihm Tiefe und verhindern ein optisches „Auslaufen“ der Wasserfläche in den Gartenraum.

Gestalterisch sinnvoll ist es, bewusste Blickachsen über offene Wasserbereiche zu führen und diese gezielt durch Pflanzzonen zu rahmen. So entsteht räumliche Tiefe, ohne das Wasserbild zu überladen.

Wuchsform und Ausbreitung als gestaltbare Dynamik

Viele Wasser- und Sumpfpflanzen besitzen kräftige Rhizome oder ausgedehnte Ausläufer. Botanisch ist dies eine Anpassung an dynamische Lebensräume mit wechselnden Bedingungen. Gestalterisch kann diese Eigenschaft sowohl Stärke als auch Herausforderung sein.

Arten mit starkem Ausbreitungsdrang erzeugen Bewegung, Volumen und Veränderung. Ruhig wachsende Pflanzen schaffen klare Konturen und langfristige Stabilität. Entscheidend ist nicht, ob eine Pflanze ausbreitungsfreudig ist, sondern in welcher Zone sie eingesetzt wird.

In Regenerations- oder Randzonen kann Dynamik erwünscht sein. In Badebereichen, Sichtachsen oder ruhigen Wasserflächen wirkt sie störend. Gestaltung entsteht dort, wo Ausbreitungsverhalten von Beginn an als Planungsparameter verstanden wird.


Bild:
Hottonia palustris (Wasserfeder) – Beispiel für stark ausbreitungsfähige Wasserpflanzen: Die Art breitet sich über kriechende Sprosse und Ausläufer entlang von Gräben und flachen Gewässern aus und kann dabei dichte, dominante Bestände bilden. Diese Dynamik ist botanisch Ausdruck ihrer Anpassung an wechselnde Wasserstände, erfordert gestalterisch jedoch eine bewusste Platzierung, da sie in offenen Wasserflächen oder Sichtachsen rasch raumprägend und verdrängend wirken kann.

Blattformen und ihre Wirkung auf das Wasserbild

Die Blattform aquatischer Pflanzen ist eine direkte Anpassung an das Medium Wasser. Fein gegliederte Unterwasserblätter reduzieren den Strömungswiderstand und ermöglichen einen effizienten Gasaustausch. Schwimmblätter sind großflächig, stabil und wasserabweisend. Emers wachsende Blätter sind fester und stärker gegliedert.

Diese Unterschiede prägen die Wahrnehmung der Wasserfläche stärker als die Blüte. Große, geschlossene Blätter erzeugen Ruhe und Flächigkeit. Fein strukturierte Blätter bleiben visuell zurückhaltend. Aufrechte Blätter setzen vertikale Akzente.

Gestalterisch entscheidend ist, welche Blattstruktur dominieren soll – und welche bewusst im Hintergrund bleibt.


Bild: Blattformen aquatischer Pflanzen im Vergleich – Fein gegliederte Unterwasserblätter, großflächige Schwimmblätter und stabilere emerse Blätter zeigen die unterschiedlichen morphologischen Anpassungen an das Leben im Wasser. Nicht die Blüte, sondern Form, Struktur und Oberfläche der Blätter prägen dauerhaft das Wasserbild und bestimmen, ob eine Wasserfläche ruhig, flächig oder strukturiert wirkt.

Blütenpflanzen im Naturpool – Akzent, nicht Leitmotiv

Blütenpflanzen spielen in Naturpools und Schwimmteichen eine besondere, aber klar begrenzte Rolle. Ihre Wirkung ist zeitlich konzentriert und stark aufmerksamkeitsbindend, während ihre strukturelle Bedeutung im Vergleich zu Blatt- und Wuchsformen deutlich geringer ist. Gestalterisch sind Blüten daher nicht das tragende Element, sondern gezielte Akzente innerhalb eines insgesamt ruhigen Wasserbildes.

Im Gegensatz zu Blättern, die über die gesamte Vegetationsperiode präsent sind, erscheinen Blüten oft nur für wenige Wochen. Ihre Farbe, Größe und Stellung treten kurzfristig in den Vordergrund, ohne die langfristige Raumstruktur zu bestimmen. Gerade deshalb erfordern blühende Wasserpflanzen einen bewussten, zurückhaltenden Einsatz.

Schwimmblattpflanzen wie Seerosen zeigen dies besonders deutlich. Ihre Blätter prägen dauerhaft die Wasseroberfläche, während die Blüten als punktuelle Höhepunkte wirken. Gestalterische Qualität entsteht, wenn die Blüte das bestehende Wasserbild ergänzt, nicht dominiert. Eine ruhige Blattfläche bildet den Hintergrund, vor dem sich einzelne Blüten klar und selbstverständlich entfalten können.

Auch bei Sumpf- und Flachwasserpflanzen ist die Blüte eher ein saisonaler Akzent als ein strukturbildendes Element. Hohe Blütenstände ziehen den Blick vertikal, verändern kurzfristig die Silhouette der Randzonen und bringen Bewegung in das Bild. Dauerhaft wirksam bleiben jedoch Blattstellung, Höhe und Bestandsdichte.

Für die Planung bedeutet das: Blüten sollten nicht das Auswahlkriterium sein, sondern das Resultat einer stimmigen Pflanzung. Wer Naturpools allein über Blütenwirkung denkt, riskiert Unruhe, Kurzlebigkeit und gestalterische Überlagerung. Wer hingegen Blattwirkung, Wuchsform und Ausbreitung in den Vordergrund stellt, erhält ein ruhiges, tragfähiges Grundbild, in dem Blüten ihre Wirkung entfalten dürfen – zeitlich begrenzt, aber umso klarer.

Blütenpflanzen im Naturpool sind damit keine Hauptdarsteller, sondern gezielte Akzente. Ihre Stärke liegt nicht in Dauer, sondern im Moment. Gestaltung entsteht dort, wo dieser Moment eingebettet ist in eine stabile, botanisch fundierte Struktur.

Blüte und Blattwirkung – zwei Ebenen der Gestaltung

Seerosenblüten als temporärer Akzent – Bei Wasserpflanzen im Naturpool wirken Blüte und Blatt auf unterschiedlichen gestalterischen Ebenen. Die Blüte ist ein zeitlich begrenztes Ereignis, das Aufmerksamkeit bündelt und Akzente setzt. Ihre Wirkung ist intensiv, aber kurzlebig. Blattstrukturen hingegen bestimmen das Wasserbild über Monate hinweg und bilden die eigentliche Grundlage der räumlichen Gestaltung.

Schwimmblätter strukturieren die Wasseroberfläche dauerhaft, regulieren Spiegelungen und schaffen visuelle Ruhe. Unterwasser- und emerse Blätter prägen Transparenz, Tiefe und Vertikalität der Pflanzung. Diese Blattwirkungen bleiben auch dann erhalten, wenn keine Blüte sichtbar ist.

Gestalterisch entsteht Qualität, wenn die Blüte nicht als Hauptmotiv geplant wird, sondern als Ergänzung einer stabilen Blatt- und Wuchsstruktur. Ein ruhiges, gut proportioniertes Blattbild trägt die Gestaltung über die gesamte Saison hinweg. Die Blüte tritt hinzu, bereichert das Bild kurzfristig und zieht sich wieder zurück, ohne die Gesamtwirkung zu stören.

Im Naturpool bedeutet das: Die Auswahl von Wasserpflanzen sollte primär nach Blattwirkung, Wuchsform und Ausbreitungsverhalten erfolgen. Die Blüte ist das Ergebnis einer gelungenen Pflanzung – nicht ihr Ausgangspunkt.


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Zeit als Gestaltungsfaktor im Naturpool

Naturpools entwickeln sich über Jahre. Wasserpflanzen zeigen ihre charakteristische Wuchsform und räumliche Wirkung selten im Pflanzjahr. Erst mit zunehmender Standzeit bilden sich stabile Bestände, klare Zonen und ein ruhiges Wasserbild.

Anfangs dominieren häufig schnell wachsende Arten, später setzen sich konkurrenzstärkere oder langlebigere Pflanzen durch. Diese Entwicklung entspricht einer natürlichen Sukzession und ist kein Zeichen mangelhafter Planung.

Gestaltung im Naturpool bedeutet daher, Zeit mitzudenken. Kurzfristige Eingriffe aus Ungeduld stören oft genau jene Prozesse, die langfristig zu Qualität führen. Erst über mehrere Vegetationsperioden wird sichtbar, ob eine Pflanzung wirklich gelungen ist.

Botanische Präzision als Grundlage guter Gestaltung

Der langfristige Erfolg eines Naturpools entscheidet sich an der Pflanze. Ihre Morphologie, ihr Wuchs- und Ausbreitungsverhalten sowie ihre Bindung an Wassertiefe und Licht bestimmen, ob ein System ruhig reift oder dauerhaft korrigiert werden muss.

Botanische Präzision bedeutet Planungssicherheit. Pflanzen werden nicht nach momentaner Wirkung ausgewählt, sondern nach ihrem Entwicklungspotenzial. So entsteht Gestaltung, die nicht gegen die Pflanze arbeitet, sondern mit ihr.

Naturnahe Wasseranlagen überzeugen nicht durch schnelle Effekte, sondern durch Klarheit, Wiederholung und Entwicklung. Wer Wasser- und Sumpfpflanzen versteht und ihre botanische Logik respektiert, schafft Naturpools und Schwimmteiche, die sich über Jahre hinweg stabil und ruhig entwickeln.

Botanik und Gestaltung sind keine Gegensätze. Sie bilden gemeinsam die Grundlage für Wasseranlagen, die ökologisch funktionieren und gestalterisch überzeugen.

Wer Wasser- und Sumpfpflanzen ernst nimmt, plant nicht gegen die Pflanze, sondern mit ihr. Wer ihre Eigenheiten versteht, ihre Entwicklung beobachtet und ihre botanische Logik respektiert, schafft Wasseranlagen, die nicht ständig korrigiert werden müssen, sondern über Jahre hinweg wachsen und reifen dürfen. Wenn Sie Lust haben, tiefer in diese pflanzliche Vielfalt einzutauchen, lohnt es sich, Wasserpflanzen bewusst zu studieren, zu vergleichen und ihre Standorte neu zu denken – der Blick auf die Pflanze verändert oft den Blick auf das ganze System.

Bleiben wir offen für Vielfalt.
Und bleiben wir natürlich.

Petra Pelz


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Gartenfotografie leicht gemacht – die 5 wichtigsten Tipps

Ein Gastbeitrag von Sylvia Knittel

Mit offenen Augen durch die Natur

Gärten sind stille Rückzugsorte, lebendige Naturinseln und eine unerschöpfliche Quelle für Inspiration. Wer versucht hat, ihre besondere Stimmung in einem Foto festzuhalten, weiß: So leicht ist das nicht. Licht, Perspektive, Farben und Strukturen – all das will gesehen, gefühlt und im richtigen Moment eingefangen werden.


Sylvia Knittel
weiß genau, worauf es ankommt. Sie ist leidenschaftliche Naturfotografin, Mitgründerin und Geschäftsführerin des campus botanicus – einer Plattform für alle, die Natur und Garten lieben.

Gemeinsam mit zwei Gartenfreundinnen hat sie den campus botanicus zu Beginn der Corona-Pandemie ins Leben gerufen.

Seitdem ist daraus ein lebendiger Ort für Onlinekurse, Vorträge, Austausch und Inspiration rund um Gartenwissen und kreatives Gestalten mit Pflanzen geworden.

Nach vielen Jahren in der Unternehmenskommunikation hat Sylvia 2022 die Entscheidung getroffen, sich ganz ihrer Leidenschaft zu widmen: der Fotografie und dem campus botanicus.

Ihre Motive findet sie draußen, bei Streifzügen durch wilde Gärten, Landschaften, oder unterwegs auf Reisen – immer mit Kamera oder Pflanzenbestimmungs-buch im Gepäck.

Viele ihrer eindrucksvollen Aufnahmen kennt ihr bereits aus unserem Blog, zum Beispiel das Große Staudenband im ega-Park – in Szene gesetzt mit einem ganz besonderen Blick für Licht, Struktur und Atmosphäre.

Sylvia hat über die Jahre ihren eigenen Stil entwickelt, der die Charakteristik von Pflanzen und Gärten auf eine ruhige, klare Weise sichtbar macht. Sie gibt regelmäßig Fotokurse und Workshops zur Gartenfotografie – von Intensivkursen zur Kameratechnik bis hin zu Fototagen in den schönsten Gärten, bei denen es vor allem um den gemeinsamen Blick, das „Sehenlernen“ und die Freude an der Natur geht.

Und das Beste: Man muss keine Profiausrüstung besitzen, um gute Fotos zu machen. Auch mit dem Handy lassen sich stimmungsvolle Gartenbilder einfangen – wenn man ein paar Dinge beachtet. In diesem Blogbeitrag verrät Sylvia ihre fünf wichtigsten Regeln für bessere Gartenfotos.

Also: Handy oder Kamera bereithalten, raus in den Garten – und los geht’s!


Die fünf Grundregeln der Gartenfotografie

Foto: Petra auf Motiv-Suche im ega-Park, Foto: Leonie

Die meisten modernen Kameras können im Grunde alles. Auch die Handys sind mittlerweile auf einem recht guten Standard. Die Technik macht es möglich, aber die meisten wollen sich nicht intensiv damit beschäftigen, sondern einfach Fotos machen. Die gute Nachricht: Vieles geht auch so, denn der Schlüssel zu guten Bildern liegt in erster Linie darin, ein gutes Motiv zu finden und dieses richtig in Szene zu setzen.

In fünf Schritten führe ich Dich zu einer bewussten Art der Fotografie, die Deine Bilder sofort besser macht – egal womit Du fotografierst.


1. Das Motiv finden

Meine erste Regel lautet immer: Nicht einfach in den Garten stürmen und losknipsen. Gibt Dir Zeit dafür, den Garten zu entdecken, dann entwickeln sich die Motive von ganz alleine. Zeit und Muße lassen Dich jeden Garten viel intensiver erleben und genießen. Komme erst einmal an und erkunde den Garten und seine Umgebung, lass alles auf Dich wirken. Sprich vielleicht mit den Eigentümern des Gartens oder mache eine Führung mit. Das hilft dabei, den Charakter zu analysieren und schon viele schöne Motive zu entdecken, die Du später fotografierst.

Was gefällt Dir sehr, was weniger? Hat der Garten oder das Beet eine Kernaussage? Wie ist er gestaltet? Zum Beispiel: bunt, monochrom, wild, formal? Gibt es bewusste Sichtachsen im Garten und was gibt es dort zu sehen, wenn das Auge den Sichtachsen folgt? Wo ergeben sich schöne Höhen- und Tiefenstaffelungen? Gibt es eine geborgte Landschaft, einen besonderen Blick, besondere Pflanzen?

Übrigens gilt diese Ruhe auch für Deinen eigenen Garten: Versuche, ihn immer wieder neu zu entdecken, den Wechsel der Jahreszeiten und die verschiedenen Pflanzen, die wie auf einer Bühne abwechselnd ihren großen Auftritt haben. Immer wieder findest Du so auch in Deinem eigenen Garten neue Perspektiven.

Bei diesem Bild fiel mir ganz markant das gelbe Laub des Silphium auf, das in der gerade aufgehenden Sonne wie ein gelbes Leuchtfeuer im Beet stand. Dennoch wollte ich es im Kontext mit den anderen Farben des Beets zeigen.


Fotos: Sylvia Knittel, hier auf der Staudenwiese

2. Die Bildaussage entwickeln

Das klingt hochgestochen, aber die Bildaussage macht die Bildkomposition einfacher, denn Du weißt dann, was Du im Foto haben willst – und was nicht!

Wenn Du an einer Stelle unbedingt die Kamera zücken willst, dann frage Dich zuerst, warum Dich die Szenerie so anspricht? Was willst Du mit dem Bild zeigen? Dann weißt Du auch, welche Kernelemente ins Bild müssen, weil sie sie Aussage und Deine Idee des Bildes unterstützen.

Hier zum Beispiel haben mich die Farbkombinationen beeindruckt – warme Gelb- und Rottöne und das klare Weiß.

Foto: Sylvia Knittel, Planung Petra Pelz

Und hier wollte ich das Meer an Buschwindröschen und den Ort (unter Laubbäumen) zeigen. Dieses Foto ist übrigens ein Handyfoto!

Foto: Sylvia Knittel

So kannst Du Dich ganz auf das Motiv und die Bildkomposition konzentrieren. Das ist der erste Schritt vom Knipsen zum Fotografieren.


3. Welcher Bild-Ausschnitt darf es sein?

Der Ausschnitt, den Du wählst, ist der Rahmen, innerhalb dessen Du die Bestandteile des Bildes anordnest. Du hast dafür mehrere Möglichkeiten.

 Du wählst den Ausschnitt mit Hilfe Deiner Beine

Sprich, Du gehst näher ran oder weiter weg, etwas links oder rechts, hoch oder runter. Das ist für mich das wichtigste Kriterium bei der Wahl des Ausschnitts. Oft erschließe ich mir ein Motiv, indem ich darum herumlaufe und mir die beste Perspektive auswähle. Habe den Mut, viel näher ans Motiv ranzugehen! Deine Beine sind das beste Teleobjektiv. Für die Fotografie mit dem Handy gilt das doppelt! Bei dem vorhin gezeigten Foto mit den Buschwindröschen habe ich genau das gemacht: Ich habe so lange herumgezirkelt, bist ich ein paar schöne Blüten im Bild hatte und alle anderen störenden Elemente verschwunden waren.

Du wählst den Ausschnitt mithilfe des Objektivs und des Zooms

Fotografen sagen dazu Brennweite. Die Brennweite beeinflusst das Motiv und den Bildausschnitt. Mit dem Weitwinkel erreichst Du einen breiten Blickwinkel, alles wirkt weiter auseinander und kleiner. Mit dem Teleobjektiv bringst Du das Entfernte näher heran und verdichtest die Bildebenen. Beide Effekte können gewünscht sein, können aber auch kontraproduktiv sein, zum Beispiel wenn beim Weitwinkel zu viel Unordnung im Bild ist oder große Bäume plötzlich winzig wirken. 

Hier ein Beispiel mit zwei ähnlichen Perspektiven

Weitwinkel: Es zeigt den Überblick und den Hintergrund aus der normalen Perspektive im Stehen. Es ist schwer, überflüssige und störende Details wie Menschen und Springbrunnen wegzubekommen, der Blick verliert sich im Bild und die Bildaussage ist nicht klar.

Foto: Sylvia Knittel

Komprimiert mit Hilfe des Teleobjektivs: Der Cornus kommt zu voller Wirkung, die störenden Details gehen in der Konzentration der Pflanzenmasse unter. Ich musste dafür nur die Perspektive und die Brennweite ändern und etwas in die Hocke gehen, um die Staffelung der Pflanzen voll ins Bild zu bekommen.

Foto: Sylvia Knittel

Ein Hinweis dazu für alle Handyfotografen: Viele Handys haben mehrere Linsen in verschiedenen Brennweiten. Nutze diese. Bitte lass die Finger vom Zoomen mit dem Finger, denn damit macht die Kamera nur einen Ausschnitt auf dem ohnehin schon winzigen Sensor – die Bildqualität wird unterirdisch.


Der Bildaufbau: Aufteilung in der Fläche

Die klassischen Regeln der Bildaufteilung geben Dir eine Hilfestellung, wo Du das Motiv platzierst, um interessante Fotos zu machen. Am bekanntesten ist die Drittelregel, die das Bild in neun gleichgroße Felder aufteilt.

Die meisten setzen das Motiv ganz automatisch in die Mitte des Fotos, das ist absolut am langweiligsten. Versuche, ein Motiv an einer anderen Position im Bild zu platzieren, z.B. bei den Schnittpunkten der Linien in der Drittelregel oder setze es ganz nach außen. Du wirst staunen, wie das Foto plötzlich Dynamik und Spannung bekommt.

Bei den meisten Kameras (auch bei Handys) lassen sich Raster im Sucher einstellen, die zunächst eine gute Unterstützung sind. Die Raster sind aber nur ein Anhaltspunkt und eine Erinnerung, aber kein Muss! Zu viel vom Selben ist auch langweilig. Zudem hängt die Bildgestaltung immer auch vom Motiv ab. Denn manchmal ist mittig einfach schön.

Das hier ist mein Lieblingsbeispiel, das ich immer wieder zeige – weil es so aussagekräftig ist. Im Bild mit dem mittig gesetzten Allium stimmt fast gar nichts. Mit Beschnitt wird die Kugel auf die Kreuzung der Linien im Raster gesetzt. Die weißen überbelichteten Teile des Himmels verschwinden, der dicke Busch wird angeschnitten und ist nicht mehr so präsent und das Abendlicht kommt richtig zur Geltung. Beim nächsten Mal gleich beim Fotografieren daran denken!

Foto: Sylvia Knittel

Hier habe ich den goldenen Schnitt angewendet, der das Bild harmonisch und ruhig wirken lässt. Die Farbe ist unten, Baum und Strauch sind links und rechts gruppiert und die Mitte führt in den geheimnisvollen Hintergrund.

Foto: Sylvia Knittel

Hier zum Beispiel ist mittig gut, weil links und rechts genug unterschiedliches passiert, vor allem das Licht oben hat gewaltige Kontraste von Sonne bis tiefem Schatten. Eine nicht mittige Anordnung der Lücke hätte das Bild aus der Balance gebracht. Glaube mir, ich habe es probiert!

Foto: Sylvia Knittel

5. Blickführung anhand von Strukturen entwickeln

Nun hast Du Dir überlegt, welches Motiv Du haben willst, aber irgendwie passt es noch nicht ganz und sieht langweilig und flach aus. Dann fehlt ihm das Raumgefühl.

 Die Blickführung ist wichtig für den Bildaufbau. Sie leitet das Auge in das Bild und auf das Hauptmotiv. Versuche daher, im Motiv Strukturen zu erkennen und diese mit Hilfe der Bildgestaltungsregeln in Szene zu setzen.

 Strukturen sind zum Beispiel:

  • Führungslinien wie Wege oder Pflanzbänder, Rasenkanten
  • Strukturkontraste wie weich und hart, horizontal und vertikal, rund und eckig/gerade
  • Unterschiede in Vordergrund und Hintergrund

Dieses Bild besteht fast nur aus Linien. Bitte beachte, dass ich den Weg nicht in die Mitte gesetzt habe, dafür die Linie der Bänke durch die Mitte führt. Die strenge Dynamik wird durch die üppigen und weich geschwungenen Pflanzen auf der Seite gebrochen.

Foto: Gräsergarten im ega-Park, Sylvia Knittel, Planung Petra Pelz

Auch hier führt ein „Weg“ in den Dschungel hinein, nur dass dieser aus Allium besteht. Die Kugeln kontrastieren toll mit den vertikalen anderen Pflanzen.

Foto: Sylvia Knittel, Planung Petra Pelz

Für das Raumgefühl kannst auch einen (unscharfen) Vordergrund ins Bild nehmen. Das heißt, Du musst ganz nah an den Vordergrund gehen, bis Du fast daran stößt, das funktioniert auch mit dem Handy. Das sieht Du bei dem allerersten Beispiel, bei dem nur das Hauptmotiv (Silphium) scharf ist und alles andere unscharf.

Den Hintergrund kannst Du ebenfalls unscharf machen, wenn Du eine Pflanze herausheben willst.  Das hast Du bei dem Beispiel weiter oben mit dem Allium gesehen. Mit dem Handy geht das nicht sehr gut wegen des kleinen Sensors, aber es gibt Portraitprogramme, die allerdings filigrane Pflanzen nicht zuverlässig erkennen. Mit der größeren Kamera mit einem Teleobjektiv hast Du dafür alle Möglichkeiten, weiche Vorder- und Hintergründe zu erzeugen.

Nun bist Du fertig mit Deinem Foto. Herzlichen Glückwunsch!

Auslösen nicht vergessen! 😉

Mit etwas Übung meisterst Du diese fünf Stufen bald selbstverständlicher und intuitiv, fotografierst viel bewusster und machst bessere Fotos. Ich wünsche Dir viel Freude beim Fotografieren.


Danke liebe Sylvia, für die zahlreichen Tipps! Wir hoffen, ihr habt Lust bekommen selbst loszulegen – sei es im eigenen Garten, im Park oder unterwegs. Mit Geduld und Blick fürs Detail entstehen Bilder, die mehr sagen als tausend Worte. 🌿

Viel Freude beim Ausprobieren und Fotografieren-

Petra & Leonie